Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.03.2013

311_Irgendwas halt

Für unseren Sohn Nick gibt es überhaupt nichts Großartigeres, als Dinge zu kaufen. Der Vorgang als solcher elektrisiert ihn maßlos. Man gibt jemandem Geld und bekommt etwas dafür. Das findet er toll. Und damit hat er ja auch Recht. Kaufen ist super. Es gibt genügend Erwachsene, die diesem Reiz genauso gerne erliegen wie er und sogar Geld ausgeben, dass sie gar nicht haben. Wenn man der Begeisterung fürs Geldausgeben einen Krankheitswert zuschreiben muss, spricht man von einer Zwangsstörung namens Oniomanie. Kaufsüchtige wollen gar nichts mit den Sachen anfangen, die sie kaufen, sie wollen bloß dem Drang genügen, sie zu erwerben. Bis gestern hatte ich den starken Verdacht, dass das Konsumverhalten unseres Sohnes womöglich von so einer Oniomanie getrieben ist.
Er liebt es, im Supermarkt einzukaufen. Wobei ihn die Anschaffung von Kohlrabi langweilt. Er ist zehn. Kohlrabi interessiert ihn nur, wenn man einen Chinakracher hineinsteckt. Neue superschicke Chips oder Softdrinks in goldenen Dosen bringen ihn hingegen zur Raserei. Und er besteht auf eine Müslimarke, die mich wegen ihrer Werbung fast wahnsinnig macht. Der Reklametext wird tatsächlich vom Firmeninhaber himself gesprochen. Der Kerl legt Wert auf die Verbreitung des schwäbischen Idioms bis in den letzten Winkel meines Großhirns und wiederholt den Namen seines Unternehmens so oft, bis einem sein Müsli zu den Ohren herauskommt, bevor man es überhaupt gegessen hat. Nick liebt diese Werbung. Und nicht nur die. Er schätzt auch die uniformierten Vögel von Carglass. Das sind Typen, die High-Tech-Gummipümpel an Windschutzscheiben befestigen oder Kunstharz ins Fensterglas gießen und dabei Spezialbrillen tragen wie aus einem schlechten Sciene-Fiction-Film. Wenn die Werbung zu Ende ist, ruft er jedes Mal: „Carglass provoziert, Carglass regt auf!“
Seit einiger Zeit hat er den iTunes-Store als dauerhaft sprudelnde Glücksquelle entdeckt. Die dort angebotenen Spiele, Filme und Lieder binnen Sekunden zu besitzen, diese kostbaren Schätze für winziges Geld sofort haben zu können, lässt ihn täglich in mein Büro taumeln. Dann steht er vor meinem Schreibtisch, hält mir seinen iPod unter die Nase und erwartet von mir, dass ich was kaufe. Für 89 Cent. Zombies, die mit Erbsen beschossen werden können. Eine App, mit der man Actionsequenzen in seine Filme montieren kann. Ein Lied von Sido. Schwachsinn eben. Aber ich will nicht. Ich nehme die langweilige Position ein, dass er den Krempel nicht braucht und dass ich mein mühsam verdientes Geld nicht zum Fenster rausschmeiße. „Aber es kostet doch nicht einmal einen Euro“, jammert er und dass er dafür im August auf ein Eis verzichte. Manchmal lasse ich mich breitschlagen und gebe mein Passwort ein. Sekunden später ist das Mini-Programm auf seinem Gerät installiert und er gibt Ruhe. Ich bin da ziemlich inkonsequent.
Neulich waren wir in der Stadt, weil Nick eine neue Zahnklammer brauchte. Die alte hat unser Hund zerbissen, ohne dass es dabei zu einer Verbesserung seines Zahnstandes gekommen wäre. Wir liefen also durch die Fußgängerzone und Nick sagte rastlosen Blickes, er wolle etwas kaufen. Ich fragte: „Aha. Und was?“ Und er antwortete: „Irgendwas halt.“ Wir liefen eine Zeitlang herum und suchten nach „Irgendwas halt“, fanden es aber nicht. Also schlug ich ihm vor, zuhause im Internet nach „Irgendwas halt“ zu suchen. So geschah es.
Wir setzten uns an den Rechner und ich googelte „Irgendwas halt“. Der erste Treffer führte zu Ebay. Das Angebot „Irgendwas halt“ bestand aus einer Glocke, einem Zählwerk und weiteren Kleinteilen für einen antiken Flipperautomaten. Nick bat mich nicht darum, ein Gebot abzugeben, wohl weil er einsah, dass der Wunsch nach „Irgendwas halt“ am Ende keine tragfähige Basis für Besitzerstolz bildet.
Und zum Glück hat sich mein Verdacht auf Oniomanie bei ihm auch nicht bestätigt, denn gestern bekam er von seiner Tante fünf Euro geschenkt. Ich schlug ihm vor, davon „Irgendwas halt“ zu kaufen. Ein Comicheft und Kaugummis zum Beispiel. Doch er steckte den Schein ein und sagte: „Bist Du verrückt? Dann ist doch das ganze schöne Geld weg.“ Sollte er kaufsüchtig sein, dann nur mit meiner Kohle. Das beruhigt mich dann doch.