Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.03.2013

312_Frackzwang

Als ich Ulrich Dattelmann vor dem Rathaus unseres Dorfes traf, ahnte ich sofort, dass eine neue Demonstrationswelle ins Haus steht. Ulrich Dattelmann ist nämlich bei uns in der Nachbarschaft eine Art universeller Opinion Leader. Zu seinen Mandaten zählt der Vorsitz in der Schulpflegschaft, die Präsidentschaft im Tennisclub und die Organisation von allerlei Dorf-Events unter Fackeln oder auf Kufen. Dattelmann kann alles und weiß alles und er steuert zudem die Empörungskultur in unserer Gemeinde. Wenn er einen Rundruf macht, malen sofort Dutzende von Mitbürgern kleine Plakate und nageln sie an Dachlatten, um damit vors Rathaus zu ziehen. Dann wird protestiert. Zwischendurch öffnet die Truppe bunte Tupperdosen und es gibt Butterbrote. Dann geht es weiter. Ich kann dem Herrn Grube von der Bahn nicht empfehlen, bei uns im Dorf einen neuen Hauptbahnhof zu errichten. Gegen Dattelmann und seine Mitstreiter nimmt sich der Protest gegen Stuttgart 21 aus wie ein evangelischer Kirchentag im Konfettiregen.
Dattelmann demonstrierte einmal zunächst erfolgreich für das Aufstellen von Windrädern und dann ebenso erfolgreich gegen dieselben Windräder, und zwar als sie zwei Kilometer von seinem Haus entfernt aufgestellt werden sollten. Er demonstrierte für Bodenschweller in seiner Straße und gegen einen Gartenzaun in seiner Straße, der ihm ortsunüblich vorkam. Vor einiger Zeit hat er Plakate gegen den Bau eines Autobahnringes im Münchner Süden aufgestellt. Zwar war im Münchner Süden nie ernsthaft eine Autobahn geplant, aber er protestierte vorsorglich, damit die Staatsregierung schon einmal weiß, dass so eine Autobahn mit Dattelmann nicht zu machen ist. Genau genommen ist mit ihm gar nichts zu machen.
Auch nicht Fracking. So stand es auf dem Schild, mit dem er nun vor dem Rathaus wachte. Ich versuchte, mich an ihm vorbei zu mogeln, aber er stellte mich. „Gut, dass Du kommst. Du musst hier was unterschreiben.“ Ich weiß so ungefähr, dass man beim Fracking aus tiefen Gesteinsschichten Gase löst und diese fördert. Der Gaspreis in den USA ist dadurch stark gesunken. Und ich habe gelesen, dass die Technik Auswirkungen aufs Grundwasser haben kann. Aber nicht haben muss. Also unterschrieb ich erst einmal nicht. Das machte Dattelmann wütend: „Die versauen unser Grundwasser und Du hast dazu offensichtlich keine Meinung.“ Ich fragte ihn, wer denn überhaupt in unserem Dorf fracken wolle und Dattelmann antwortete: „Niemand. Und das soll bitteschön auch so bleiben.“ Dann bat er mich um Textvorschläge für seine Kampagne. Ein guter Protest braucht immer einen peppigen Titel. Ich schlug ihm „Fracksausen“ und „Frackzwang“ vor, aber er fühlte sich veräppelt. Dann rief er: „Wozu hast Du eigentlich eine Meinung? Was empört Dich eigentlich?“
Damit entließ er mich und ich ging nach Hause, um darüber nachzudenken, was mich empört. Aber ich werde immer meinungsloser, schließlich sind die anderen schon dauernd wütend, da muss ich mich ja nicht auch noch aufregen. Aber dann fiel mir doch etwas ein. Ich kann es nicht leiden, wenn ich irgendwo das Wort „Verfasstheit“ lese. Das schreiben nur blöde Angeber, wenn sie eigentlich „Verfassung“ meinen. Grausam. Und ich bekomme wirklich Sprühstuhl, wenn ich jemanden sagen höre, er sei von irgendwas „angefasst.“ Von etwas berührt zu sein reicht heute nicht mehr. Muaaahh. Ich bin ja so angefasst. Das ist schlimmstes Veronica-Ferres-Deutsch. Furchtbar.
Ich ging zurück zum Rathaus und schlug Dattelmann vor, gegen das Doofdeutsch in den Zeitungen zu demonstrieren. Ich sei sofort dabei und würde auch Brote schmieren. Aber Dattelmann reagierte total beleidigt und wahrscheinlich werde ich beim nächsten Schulfest von ihm in einen ungünstigen Time Slot eingeteilt und muss gegen 18 Uhr Würstchen wenden, wenn ich eigentlich schon längst zuhause wäre, um mich von den Gesprächen mit engagierten Müttern aus der Ü-40-Stillgruppe zu erholen. Ich dachte auch, er würde mich mit seinem Anti-Fracking-Schild schlagen, doch er sagte nur bitter: „Es ist schon schade, dass Dich die Verfasstheit unserer Gesellschaft kein bisschen anfasst.“ Da nahm ich ihm sein Schild aus der Hand und haute es ihm wortlos zwei Mal auf die Schulter.