Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.04.2013

313_Osterprozession

Man tastet sich so durch die Pubertät der Tochter und stellt nach drei Jahren fest, dass diese offenbar länger zu dauern scheint als der zweite Weltkrieg. Neulich las ich, dass es erst mit 18 wirklich vorbei sein soll. Das ist in vier Jahren. Und bei manchen Menschen dauert die Pubertät Jahrzehnte, man denke nur an George W. Bush, Michael Jackson und Philipp Rösler.
Auch vor diesem Hintergrund muss man jeden Tag versuchen, das Beste daraus zu machen. Man kann sich zum Beispiel im Baumarkt Ohrenschützer kaufen und diese beim Mittagessen tragen. Man sieht dann nur noch einen sprechenden Mund, ohne Sound. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere besteht darin, sich frohgemut und mit großen Hoffnungen auf eine schöne Pointe in den Strahl der pubertären Äußerungen seiner Tochter zu stellen und einfach zu genießen. So mache ich das, wenn ich gute Laune habe.
Die Diskussionen mit ihr haben epische Ausmaße angenommen. Es geht jetzt auch um das so genannte große Ganze, quasi um das komplette Schweinesystem. Und um mich als Büttel und Symbol dieses Systems. Dauernd werde ich kritisiert. Für meine Eier zum Beispiel. Ich bereite täglich welche zu. Am Wochenende mache ich Spiegeleier, sonst Rühreier oder weiche oder welche im Glas. Letzte Woche wurde ich für mein Spiegelei rangenommen.
Das Pubertier stocherte missgelaunt darin herum und verkündete, dass Benedikts Vater viel bessere Spiegeleier zubereite. Benedikt ist ein ins Zentrum ihres Interesses gerückter Junge, der neulich eine DVD-Nacht veranstaltete, bei der eine ganze Staffel von „The Walking Dead“ lief und bei der sich vier Mädchen übergaben. Das habe ich bei Facebook gelesen. Carla war auch dabei. Und offenbar gab es am nächsten Morgen Spiegeleier. Egal. Jedenfalls erklärte Carla mir, dass Benedikts Vater die Eier zubereite wie Erich Witzmann. Ich korrigierte sie dahingehend, dass es sich bei jenem möglicherweise um Eckart Witzigmann handele und sie verdrehte die Augen, weil es darauf ja wohl echt nicht ankomme.
Dann schilderte sie, dass Benis Vater zuerst den Eiweißspiegel in die Pfanne gieße und zart erhitze, anschließend das Weiße salze und erst danach das Eigelb vorsichtig zur finalen Ausbratung darauf platziere. Das sei wirklich delikat. Ich sah auf mein labberiges Spiegelei und bekam sofort schlechte Laune. Soso, dachte ich, meine Eier sind Dir also plötzlich nicht mehr gut genug. Aha. Man darf sich derartige Verletzungen nur nicht anmerken lassen.
Eier sind ein großes Thema bei uns. Wir führen Eierdiskussionen. Carla bestand neulich darauf, dass die gefärbten Eier von der Tankstelle ein Symbol für unsere erkaltete Gesellschaft seien. Die Dinger würden nur von geschiedenen Männern erworben, die niemanden hätten, der für sie Eier färbe. Je mehr von diesen traurigen Eiern verkauft würden, desto schlechter ginge es uns allen. Und davon abgesehen sei es spießig, Eier zu bemalen. „Wenn Gott gewollt hätte, dass Eier Streifen oder Punkte haben, dann hätte er welche draufgemacht,“ rief sie neulich, als ich sie zum Eierbemalen einlud.
Und gestern stellte sie missbilligend fest, dass ich zu sehr an traditionellen und damit wertlosen Erkenntnissen hinge. Sie wehre sich jedenfalls ab sofort dagegen, dass man die Spitze des Eis als „oben“ tituliere. Das sei doch gar nicht ausgemacht. Niemand habe jemals ein Huhn gefragt, ob es selber fände, dass die dicke Seite die untere sei. „Aber so liegen sie im Nest“, entgegnete ich schwach. Doch das ließ sie nicht gelten. Seit Jahrtausenden würde das Ei verkehrt herum in den Eierbecher gesetzt, meckerte sie und drehte das Ei in ihrem Becher um. So wolle sie das jetzt immer haben. Schließlich sei sie erwachsen und könne selber darüber entscheiden, wo bei ihrem Ei oben und unten sei.
Ich verkündete dann meiner erwachsenen Tochter, dass ich beschlossen hätte, mit der dämlichen Eierversteckerei an diesem Osterfest aufzuhören, weil sie zu alt dafür sei.
Da ließ sie ihr Besteck fallen, kam um den Tisch, hängte sich an meinen Arm und bettelte darum, dass der Osterhase kommen müsse. Das sei so Tradition und sie sei dafür keineswegs zu alt und sie male auch ein Bild. Biddebiddebidde. Oh Mann. Und das soll jetzt noch vier Jahre so weitergehen!?