Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.04.2013

314_Sammer und Sommer

Der Hamburger Sportverein hat nach der historischen Niederlage bei Bayern München angekündigt, seine Fans zum Grillen einzuladen. Das finde ich schon sehr bemerkenswert. Die tun einfach so, als seien neun Gegentore ein Grund zum Feiern. Sind sie ja auch. Aber eigentlich für den FC Bayern. Der wiederum feierte seine neun Tore überhaupt nicht. Kein einziges Grillwürstchen fand seinen Weg in einen Südkurvenschlund. Der augenbrauenlose Münchner Vereinsvorstand Matthias „Voldemort“ Sammer meckerte nur über die zwei Gegentore des HSV. Man möchte nicht wissen, was bei Sammers zuhause los ist, wenn die Kinder nur mit einer glatten Eins nach Hause kommen. Da wäre mehr drin gewesen, heißt es dann.
Unsere Kinder sind solch sammerartige Strenge nicht gewohnt. Bei uns ist es eher umgekehrt: Schlechte Noten werden in der Regel Sara und mir angekreidet, weil wir der Schule nicht rechtzeitig mit Anwälten oder Schlägertrupps gedroht hätten. Das soll ja im deutschen Schulwesen inzwischen gang und gäbe sein. Wir verzichten aber darauf, weil wir erstens im Bekanntenkreis gar keine Schlägertrupps haben und zweitens keine Anwälte dafür bezahlen würden, dass sie Fünfen zu Vieren klagen und wir drittens der altmodischen Ansicht sind, dass die Kinder für gute Noten eben besser in der Schule aufpassen sollen. Oder sie sparen auf einen Anwalt. Das finde ich pädagogisch brillant.
Aber eigentlich würde ich manchmal gerne die Verantwortung für meine Kinder vermieten. Wer Lust hat, kann uns Geld bezahlen und unsere Tochter und unseren Sohn für uns erziehen. Das wäre sicher eine interessante Marktlücke. Kinderlose Ehepaare – gerne übrigens auch homosexuelle – dürfen sich bei mir bewerben und erhalten gegen Zahlung von 10 000 Euro pro Woche die Gelegenheit, unsere Kinder zu bevormunden. Da kann man sich ausprobieren, da kann man lernen was Widerstand heißt, da kann man zeitlich befristet den Thrill des Elternseins erleben. Ich warte auf Angebote. Allerdings muss ich der Fairness halber darauf hinweisen, dass es gerade im Moment zu vertrackten Diskussionen kommt, für die man schon einige Erfahrung im Umgang mit Pubertieren braucht. So wie am vergangenen Dienstag. Da fragte Carla, ob sie auf eine Party gehen könne. Es waren Schulferien, warum nicht. Ich erklärte ihr, dass ich um Mitternacht ihre Rückkehr erwarte. Sie fragte: „Nach Sommerzeit oder Winterzeit?“ Ich antwortete, dass momentan die Sommerzeit gelte. Sie fragte, wie es damit noch einmal sei, sie habe nämlich ihre Uhr noch nicht umgestellt. Ich erklärte ihr die Sommerzeit mit einer Eselsbrücke: Im Sommer schiebt man die Blumentöpfe vor, damit sie in der Sonne stehen, im Winter zieht man sie zurück unters Dach. Damit entließ ich sie.
Carla kam nicht um Mitternacht, sondern um drei Uhr nach Hause und nahm am nächsten Morgen für sich in Anspruch, exakt meiner Eselsbrücke gemäß gehandelt zu haben, der zufolge man im Sommer die Blumentöpfe in die Sonne zurück ziehe, um sie im Oktober wieder vor das Haus zu schieben. Sie habe daher gegen 23 Uhr die Zeit auf ihrer Swatch um eine Stunde zurückgestellt. Die Tatsache, dass sie dabei von der Winterzeit auf ihrer Armbanduhr ausging, führte zu zwei Stunden Verspätung. Die dritte Stunde kam dadurch zustande, dass sie gegen 1 Uhr zur Sicherheit die Uhr um eine weitere Stunde zurückstellte, damit ja nichts schiefging. Ich glaubte ihr zwar kein Wort, war aber von ihrer Argumentation absolut begeistert.
Zur Wiedergutmachung kochte Carla für die ganze Familie Nudeln mit einer Sauce, über die zu sprechen ich erst in einigen Jahren in der Lage bin. Auf der Zutatenliste standen Tomaten, Fischöl, Gouda und Honig, soviel habe ich herausgeschmeckt. Aber es war zumindest ein Friedensangebot. So wie das vom HSV an seine gekränkten Fans. Diese dürften versöhnt sein, wenn Rafael van der Vaart und seine Kollegen am 20. April für sie Grillware wenden. Der Verein muss nun ungefähr 50 000 Würstchen bestellen. Bei der Menge gibt es für die armen Hamburger aber sicher einen großzügigen Rabatt von Uli Hoeneß’ Wurstfabrik.