Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.04.2013

315_Goldfisch-Konfetti

Nachdem ich das Laub aus dem kleinen Steinbecken in unserem Garten gekeschert hatte, entdeckte ich gestern Mittag zu meiner großen Überraschung, dass sämtliche Goldfische diesen Winter überlebt haben. Der aufgewühlte Dreck war wieder auf den Boden gesunken und ich zählte erst zwei, dann drei und schließlich vier karottenähnliche Fischlein, die sich unter der Wasseroberfläche sonnten. Da war ich sehr gerührt.
Nick hatte auf die Anschaffung der Minikarpfen bestanden, um das vermoderte alte Becken etwas aufzuwerten. Jahrelang hatten wir uns nicht um dieses bierkistengroße Loch im Garten gekümmert. Aber als die Fische darin schwammen, ging ich öfter hin und sah ihnen dabei zu, wie sie mit runden Mäulern das Futter einsogen, das ich hinein streute. Manchmal spuckten sie wenig später die atomisierten Fischfutterblättchen wieder aus. Das gefiel mir sehr, denn es sah aus als würden sie mit Konfetti werfen. Nick nannte die vier Goldfische Homer, Marge, Bart und Lisa, nach den Simpsons. Als der Winter nahte, machte ich Nick mit dem Gedanken vertraut, dass Fische auch sterben können, weil zum Beispiel das Becken nicht tief genug ist und sie komplett einfrieren wie Schlemmerfilets à la Bordelaise. Nur ohne Bordelaise. Ich sprach über Vögel, die Goldfische aus Teichen stehlen. Gar nicht zu reden von Dattelmanns blödem Kater, einem dicken sadistischen Biest, das ich mit Kaminholz bewerfe, wenn ich es sehe. Ich habe es noch nie getroffen. Beim letzten Versuch landete der schlechtgezielte Scheit auf dem Dach meines Autos.
Ich bereitete Nick darauf vor, dass die Goldfische entweder skelettiert oder vermodert oder verschwunden sein würden, sobald der Winter vorbei wäre, denn ich wollte nicht, dass ihn das Ableben der Simpsons zu sehr treffen würde. Und nun das. Sie sind noch da, größer und gesünder denn je. Homer und Marge schwimmen immer brav nebeneinander durchs Becken. Sie schweigen sich an, das schon, aber sie hauen sich nicht die Flossen um die Ohren. Offenbar führen sie eine sehr einträchtige Ehe.
Was sollen sie auch sonst machen? Ihr Goldfischleben ist ganz schön langweilig und ihre Behausung bietet nicht viel Abwechslung. Gut, sie könnten mal tapezieren, aber woher soll Homer den Kleister nehmen? Wenn er Glück hat laicht ihm im Sommer jemand etwas. Oder sie heizen ihre Partnerschaft mal mit ein wenig Eifersucht an. Das wird nicht einfach sein, denn für einen Seitensprung befinden sich entschieden zu wenig potentielle Partner im Becken, es sei denn, man verabredet sich mit Gelbrandkäfern oder Stabwanzen. Das kann ich mir aber nicht vorstellen. So ein Goldfisch ist bestimmt sehr wählerisch. Wenn Goldfisch-Homer Internet hätte, könnte er sich bei einer Seitensprung-Agentur anmelden und wenigstens sehen, was sich so in den Teichen der Nachbargärten tummelt.
Das wird mir auch ständig angetragen. Mehrmals wöchentlich erhalte ich per Mail Werbung vom angeblich größten deutschen Fremdgeh-Portal im Internet. Aus den stets aufgeregten und grammatikscheuen Pressetexten geht zum Beispiel hervor, dass Berlin die geheime Hauptstadt der Seitensprünge ist und dass 88 Prozent aller Frauen unter der Bettdecke nach Leidenschaft und gesundem, wilden Sex suchen. Sie könnten dabei jederzeit auf mich treffen, denn ich suche unter der Bettdecke auch etwas, nämlich die Nasenklammer, die ich mir immer gegen das Schnarchen in den Rüssel stopfe. Das Ding hat eine ähnliche Wirkung wie die Pflaster aus der Apotheke: Es spreizt die Nasenflügel, man bekommt mehr Luft, schläft besser und röchelt nicht wie ein betrunkener Feldmarschall. Aber leider lockert sich dieses Wunderding bei mir über Nacht, es fällt heraus und morgens muss ich es suchen.
Ich freue mich schon auf mein nächstes Gastspiel in der Hauptstadt und darauf, bei der Suche nach meinem Naseneinsatz unter der Hotelbettdecke zufällig auf 88 Prozent geile Berlinerinnen zu treffen. Bis es soweit ist, sehe ich meinen goldigen Simpsons dabei zu, wie sie einträchtig durch ihr Becken kreuzen. Sie haben nicht viel Platz, aber sie werden gut versorgt und leben in völliger Sicherheit vor Inflation und scharfen Berliner Hausfrauen. Gerade hat Marge ihr Essen ausgespien. Ich glaube, bei mir wäre ich auch gerne Goldfisch.