Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.04.2013

316_Im Pubertierlabor (wecken)

Im Rahmen meiner privaten Langzeitstudie über das Sozialverhalten des gemeinen Pubertiers lesen Sie heute Forschungsergebnisse zum Themenkreis: „Wie man eine 14jährige weckt“. Die entsprechende Testreihe läuft bereits seit langem und ich verfüge über vielfältige Erkenntnisse. Hier die Aufzeichnung vom vergangenen Donnerstag. Die Probandin wird wie stets vom Versuchsleiter persönlich um Punkt sieben Uhr geweckt. Um diese Zeit wuseln 80 Prozent der Deutschen bereits durch Badezimmer, Küchen und U-Bahn-Höfe. Die restlichen 20 Prozent haben entweder keinen Grund zum Aufstehen. Oder sie können nicht. Oder sie befinden sich in der Pubertät.
Der Versuchsleiter probiert es in einer ersten Weckmaßnahme mit der deutlichen Aufhellung des Labors durch Einschalten der Generalbeleuchtung. Das Pubertier reagiert darauf nicht, denn es befindet sich zu 92 Prozent unter der Bettdecke. Der Versuchsleiter geht nun auf das Bett zu und stolpert dabei über ein Handy-Ladekabel. Er fängt sich gerade noch, landet mit der linken Hand jedoch in etwas, das entweder ein Schwamm mit Hautcreme ist oder ein sehr altes Stück Käsekuchen. Der angeekelte Versuchsleiter entscheidet unter diesen Umständen, nicht bis zum Bett vorzudringen. Stattdessen ruft er in munterer Intonierung: „Sieben Uhr, die Sonne lacht, jetzt wird aber aufgewacht.“ Für diesen allmorgendlichen Satz wird er später zur Strafe nicht im Altenheim besucht. Das hat er davon. Der Versuchsleiter kocht Kaffee und macht sich Notizen zum bisherigen Testverlauf.
Da der erste Weckversuch offenbar gescheitert ist, betritt er im Dienste der Wissenschaft um 7:08 Uhr abermals die Versuchsanordnung. Das Pubertier schläft tief und fest. Nachdem er sich den Weg durch Wäsche, Magazine, Schulkrempel, sowie Klamotten und Anziehsachen freigewühlt hat, setzt sich der Versuchsleiter auf den Bettrand und kitzelt das Pubertier am Ohr. Das kann gefährlich sein und wird mit Grunzen beantwortet, an anderen Tagen auch mit Beschimpfungen oder ungezielten Schlägen. Das abendliche Ernährungsverhalten des Pubertiers muss dringend überprüft werden, um Ursachen für den unterschiedlichen Grad der morgendlichen Unwirschheit bestimmen zu können. Schnipsen gegen die Nase, Finger ins Ohr stecken und an den Füßen kitzeln wird wie immer negativ beurteilt und als Weckmethode vom Pubertier grundsätzlich abgelehnt. Danach ergeht die nochmalige Aufforderung des Versuchsleiters, jetzt aber wirklich endlich dem Tag eine Chance zu geben.
Um 7:14 Uhr erfolgt der dritte Weckversuch mittels Kraulung im Nackenbereich. Dies hat jedoch nur wohliges Gurren zur Folge und schlägt ebenso fehl wie mündliche Drohungen um 7:18 Uhr. Die Ankündigung, das Aufstehen mit kaltem Wasser zu erzwingen, wird von der Probandin frech nachgeäfft. Der Versuchsleiter benetzt daher um 7:21 Uhr einen Waschlappen mit kaltem Wasser, den er ins Labor trägt und über dem Pubertier auswringt. Es kommt zwölftausendstel Sekunden später zu einer überraschenden und geradezu explosionsartigen Aktivität der Probandin, die in einer einzigen Bewegung die Decke zurückschlägt, aufspringt und mit ihrem Kissen nach dem Wissenschaftler schlägt. Dieser weicht zurück und stolpert abermals über das dämliche Ladekabel. Das Pubertier schießt meckernd an ihm vorbei und verschwindet im Badezimmer. Der Versuchsleiter notiert: Das Pubertier hat offene Augen und verbreitet schlechte Laune. Es ist eindeutig wach.
Gegen 7:29 Uhr ruft der Versuchsleiter nach dem Pubertier und teilt diesem mit, dass das Frühstück auf dem Tisch stehe. Er erwarte das Erscheinen des Pubertiers innerhalb einer Minute, zumal dann auch bald der Bus fahre. Um 7:33 Uhr erscheint der Versuchsleiter abgenervt im Labor. Das Pubertier hat sich noch mal kurz hingelegt. Der Versuchsleiter bricht den Versuch an dieser Stelle ab, reißt die Bettdecke weg und sagt Dinge, die nicht mit der Würde eines wissenschaftlichen Mandates zu vereinbaren sind. Anschließend steht das bereits angekleidete Pubertier auf und verlässt unter Verwünschungen das Haus. Komischerweise hat es noch nie den Bus verpasst. Der Versuchsleiter plant zu diesem für ihn unerklärlichen Phänomen eine weitere Forschungsreihe.