Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.04.2013

317_Ein Herz für Uli

Manchen Kriminellen kann ich nicht böse sein. Im Moment habe ich gerade zwei in mein Herz geschlossen. Da ist zum einen mein Sohn Nick. Er ist zehn und er betuppt mich nach Strich und Faden. Gestern habe ich ihn dabei erwischt, wie er mich bei „Risiko“ betrogen hat. Er liebt „Risiko“. Ich weiß nicht, woran es liegt. Bei diesem Spiel muss man mit seinen Armeen alle anderen ausradieren, um schließlich die Weltherrschaft zu erlangen. Ich muss damit leben, einen kleinen Bellizisten groß zu ziehen. Nick macht Kanonengeräusche, wenn er seine Truppen in meine Gebiete schiebt. Sobald er sie erobert hat, fegt er meine Soldaten vom Brett und macht Röchel– und Sterbelaute. Und gestern hat er mich betrogen.
Ich beobachtete ihn dabei, wie er die Karten für die Länderverteilung zu Beginn des Spiels manipulierte. Ich erhielt daraufhin Irkutsk, Westaustralien, Südafrika, Peru und ein paar andere zusammenhanglos verstreute Staaten ohne strategische Bedeutung, während ihm ganz zufällig bereits zu Beginn Europa (bringt fünf Bonustruppen) und fast ganz Nordamerika gehörte. Ich spielte trotzdem mit, denn ich setzte darauf, dass er irgendwann zusammenbrechen und seinen Betrug gestehen würde. Doch er besetzte Land um Land und sagte nach 21 Minuten: „Papa, ich werde Dich vernichten, wenn Du jetzt nicht katipulierst.“ Ich schnipste meine letzten vier Soldaten um und sagte: „Gut. Ich katipuliere. Aber ich hatte von Anfang an keine Chance, weil Du nämlich gepfuscht hast.“ Da sah er mir in die Augen und säuselte: „Ja, das stimmt. Aber Du liebst es einfach, mit mir zu spielen. Da nimmst Du das eben in Kauf.“
Mein zweiter Krimineller der Herzen ist Uli Hoeneß. Gerade von Null auf zwei geschossen. Er hat dort Kim Jong Un verdrängt. Wobei ich Hoeneß nicht wirklich kriminell nennen würde. Gut. Mit den von ihm nicht gezahlten Steuermillionen hätte man mehrere Kindergärten bauen können. Aber wer sagt eigentlich, dass immer Kindergärten von hinterzogenen Steuern errichtet werden? Vielleicht wären davon ja auch Panzer angeschafft worden. Kann man ja nicht wissen. Ich könnte damit als Pazifist und Risiko-Loser nur ganz schlecht leben. Insofern gebührt Uli Hoeneß fast schon mein Dank.
Wie dem auch sei. Uli Hoeneß hat zwar ein Gerichtsverfahren verdient, aber nicht die mangelhafte Qualität der Berichterstattung über seine Steuergeschichte. Ich sah zum Beispiel im Fernsehen eine Gesprächsrunde zu dem Thema. Uli Hoeneß hätte zumindest Harald Schmidt verdient gehabt, aber dann saß wirklich Oliver Pocher in dieser saftlosen Veranstaltung und nahm mehrmals Anlauf zu Pointen, die derart unlustig versandeten, dass nicht Pocher einem leidtun musste, sondern Hoeneß. Nach dieser Sendung mochte ich ihn jedenfalls noch mehr als vorher.
Im Internet machen sie sich jetzt lustig über ihn. Er bietet viel Angriffsfläche, weil er selber gerne moralisch argumentiert. Aber für mich bleibt er trotzdem ein guter Mann. Viele Steuerhinterzieher sind schäbige Geizhälse, die sich über das Recht stellen und empört darauf reagieren, wenn man sie verknackt. Manche machen gar keine gute Figur, dieser Zumwinkel zum Beispiel. Ich habe nie gehört, dass der einen Sportinvaliden bei der Post eingestellt hätte. Oder einen Verein wie den FC Sankt Pauli gerettet hätte. Oder, oder, oder. Und außerdem ist Uli Hoeneß fast schon eine literarische Figur. Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Die anderen sind doch langweilig. Hat Herr Watzke aus Dortmund vielleicht eine Wurstfabrik? Hat Herr Bruchhagen eine Zirbelholzstube? Nein und Nein. Hat einer von denen einen Flugzeugabsturz und die Zimmergenossenschaft mit Paul Breitner überlebt? Nein. Keiner ist so wie Uli Hoeneß. Als in München ein Mann an einem S-Bahnhof zu Tode geprügelt worden war, stellte sich Uli Hoeneß ein paar Tage später ins ausverkaufte Stadion und hielt eine Ansprache in Gedenken an den Toten. Hätte er nicht machen müssen. Die Sache hatte ja mit Fußball nichts zu tun. Aber er bebte vor Zorn über die Tat und hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für Zivilcourage. Deswegen mag er trotzdem ein Steuerhinterzieher sein. Aber er ist mein Lieblingssteuerhinterzieher.