Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.05.2013

319_Yolo mit Carla

„Warum ich? Warum?“ Ich stand in der Küche und drehte mich im Kreis wie der tasmanische Teufel. Aber Sara war nicht zu erweichen. Sie fand einfach, dass ich auch mal dran sei. Ich behauptete, dass ich keine Zeit hätte, der ganze Terminkalender sei randvoll. „Du besitzt keinen Terminkalender,“ sagte Sara. „Ja, keinen aus Papier. Ich habe einen virtuellen Terminkalender. Im Kopf“, quengelte ich. „Der ist leer,“ behauptete Sara. „Und Du wirst sehen, es tut Dir und Carla bestimmt gut, wenn Ihr mal etwas miteinander unternehmt.“ Kann schon sein. Das Problem daran ist nur: Carla kommuniziert in einer fremden Sprache. Es ist bei uns wie mit Klingonen und Romulanern. Aber Sara hatte Recht. Ich war wirklich dran. Vorgestern fuhr ich also mit unserem Pubertier in die Stadt. Hosen kaufen.
Carla trägt sehr enge Modelle, in die man eingenäht werden muss. Ihre Hosenbeine sehen aus wie Elefantenrüsselfutterale. Also schlug ich ihr vor, in den Münchner Zoo zu gehen und dem Elefantenpfleger ein Elefantenrüsselfutteral abzukaufen. Aber Carla wollte nicht in den Zoo. Sie wollte zu Abercrombie & Fitch. Und zu Hollister, zu H&M, zu Zara und dann mal gucken. Sie saß neben mir im Auto und hielt ihre beste Freundin Franzi per „WhatsApp“ auf dem Laufenden. Ich sah auf ihr Handy und las: „…mit meinem Vater. SWAG“!
Als erstes gingen wir zu Zara. Carla navigierte durch das Geschäft wie ein Fuchs durch den Hühnerstall. Aber das Angebot sagte ihr nicht zu. Sie entschied sich gnädig für zwei T-Shirts und informierte Franzi darüber, dass Zara soeben ein „epic fail“ gewesen sei. Bei H&M gab es praktisch denselben Kram, bloß auf schwedisch. Carla schrieb: „Jetzt ein Smoothie mit Papa. YOLO.“ Während sie einen Becher mit sauteurer Beerenpampe verputzte, googelte ich „swag“, „epic fail“ und „Yolo.“ Auf diese Weise erfuhr ich, dass sie erstens den Ausflug mit mir lässig fand und zweitens den Besuch bei Zara für einen schweren Fehler hielt. Und dass Yolo für „Du lebst nur einmal“ steht.
Im nächsten Geschäft stand auf den Jeans-Etiketten: „Enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs.“ Was damit wohl gemeint sein mag? Womöglich ist in den Hosen ein Schweineschnitzel eingenäht. Ich sah nach, entdeckte aber keines. Und außerdem fand Carla die Klamotten voll wack. Anschließend marschierten wir zu Hollister. Das ist eine amerikanische Marke und die Klamotten sehen aus als seien sie von Ricardo Tubbs und Sonny Crockett für eine achtziger-Jahre-Grillparty in Pinneberg entworfen worden. Carla war auch nicht besonders begeistert, zumal ihr die Hosen deutlich zu weit geschnitten waren. Sie schrieb an Franzi: „Hollister = ROFL.“
Dann rüber zu Abercrombie & Fitch. Dabei handelt es sich um eine gut parfümierte Geisterbahn, in denen man die Klamotten kaum sehen kann, weil es dort erstens duster ist wie in einem Elefantenpo und man zweitens ständig Touristen von der Schwäbischen Alb vor der Nase hat. Außerdem bekam ich nach gut vierzig Sekunden Kopfschmerzen von dem Gestank, mit dem sie ihre Kunden dort einnebeln und wünschte mich ins Elefantenhaus vom Münchner Zoo, wo es ähnlich riecht, wenn auch nicht ganz so süß. Die Wand an der Treppe war bedeckt von einem riesigen Gemälde. Es zeigte lauter Mario-Gomez-Verschnitte mit kantigen Köpfen und kantigen Bauchmuskeln. Das erinnerte mich sehr an die Abbildungen von Werktätigen im Sozialistischen Realismus.
Carla zog etwa siebzehn Hosen an, während ich „wack“ und „ROFL“ googelte. Bei „Wack“ handelt es sich um einen HipHop-Ausdruck für lahm, uncool und einfach richtig scheiße. ROFL ist die Chat-Abkürzung für „Ich kugele mich über den Boden vor Lachen.“ Das hätte ich auch gerne gemacht, aber dafür war der Laden zu voll. Schließlich hatte Carla etwas gefunden. Super Skinny Jeans. Soso. Ich kaufte zwei Stück und wir fuhren nach Hause.
Spätabends schickte Carla mir eine SMS aus ihrem Bett. Darin stand: „Knubu Danke Papa Xo.“ Ich googelte. Sie teilte mir mit, dass sie mich knuddelte, küsste und umarmte. Ich war gerührt und schickte ihr eine SMS zurück. Darin stand „EWESNMD“. Die Abkürzung kennt sie bestimmt nicht. Sie steht für „Es war ein schöner Nachmittag mit Dir“