Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.05.2013

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Einer der zahlreichen Vorteile eines Lebens in einem bayerischen Dorf besteht darin, dass es dort nicht so aufregend ist. In größeren Städten kann es einem absolut passieren, dass die Straße weg ist, wenn man das Haus verlässt, um auf die Straße zu gehen. Oder man verliert auf dem Heimweg die Orientierung, weil über Tag ein Drogeriemarkt plötzlich durch ein dänisches Matratzenlager ersetzt wurde. Ich schätze derartige Veränderungen nicht und fühle mich in Großstädten selber immer irgendwie austauschbar. Auf dem Dorf droht derartige Unbill kaum. Bei uns werden außerdem keine Flughäfen nicht gebaut, es fahren keine Mottowagen durch die Gegend und es werden keine Nagelstudios eröffnet. Es bleibt alles jahrzehntelang so wie man es gewohnt ist. Deswegen heißt es ja auch bayerisches Dorf und nicht globales Dorf.
Bei uns ist nur alle fünf Jahre etwas los. Dann stellen die Eingeborenen ein Bierzelt und einen geschälten Baum auf, tanzen drum herum und donnern sich zu vorgerückter Stunde gegenseitig Bierkrüge an die Schädel. Das ist lustig und bringt die Menschen zusammen. Das Fest dauert von Freitag bis Sonntag und an den Abenden ist das riesige Zelt fest in der Hand der Dorf-Burschenschaft. Ihre Mitglieder werden fünf Jahre lang Kaspar-Hauser-mäßig in einer Scheune verborgen gehalten. Dementsprechend groß ist ihre Feierbereitschaft. Die Burschen engagieren fürs Abendprogramm professionelle Bands, welche das Zelt und alle Nachbarn in drei Kilometer Entfernung mit so genannten Rockklassikern unterhalten. Man muss für dieses Jahr konstatieren, dass „Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz“ aus dem Programm geflogen ist. Der erste Abend schloss mit den Hitraketen „So lonely“, „Knockin’ on heaven’s door“ und „Tage wie diese.“ Am zweiten Abend lag ich bis halb zwei wach, um folgende Rausschmeißer-Stafette zu genießen: „Rockin’ all over the world“, „New York, New York,“ und „Tage wie diese.“ Und der dritte Abend endete mit „Wer hat an der Uhr gedreht?“, „The final Countdown“ und „Tage wie diese.“ Danach war Schluss, aber ich konnte immer noch nicht schlafen. Der Nachmittag war aber auch zu aufregend gewesen.
Da war auch ich im Zelt, wenn auch ohne Lederhose. Alle Versuche der letzten zwanzig Jahre, mich in eine Tracht zu quatschen waren vergeblich, denn ich finde, dass die meisten Männer darin aussehen als trügen sie riesige Windeln. Man muss es in den Genen haben, sonst kann man diese Kluft nicht mit Würde tragen. Ich suchte zwischen schnurrbärtigen Wickelbabies und ihren knödelbusigen Müttern nach bekannten Gesichtern und wurde schließlich von den Kaufleuten des Dorfes an ihren Tisch gewinkt. Dann saß ich vier Stunden zwischen dem Schreibwarenhändler namens „Schreibi“ und dem Gemüsemann (vulgo: Gmiasmo). Diese Herren wissen praktisch alles, was man überhaupt über dieses Dorf wissen kann.
Die beiden unterhielten sich unter meiner fasziniert schweigenden Zeugenschaft intensiv über eine gemeinsame Kundin und ihren Mann. Diese Kundin trägt seit Wochen einen Verband auf der Nase. Es wurde daher allgemein angenommen, dass sie „beim Mang war“, wie man hier sagt, wenn sich jemand die Nase hat operieren lassen. Gründe oder Umfang des Eingriffs blieben unter dem Verband verborgen. Der Gmiasmo berichtete nun, dass am Donnerstag die Tür seines Ladens aufgeflogen sei und der Gatte dieser Kundin drei Schritte ins Geschäft getan habe, um dann zu rufen: „Alle mal herhören: Meine Frau war nicht beim Mang, sie hat keine neue Nase. Sie hat sich lediglich beim Staubsaugen die Nase gebrochen. Sie hat das Gleichgewicht verloren als sie ruckartig den Stecker des Staubsaugers aus der Steckdose gezogen hat. Dabei ist ihr Kopf nach oben gegen die Klinke der Wohnzimmertür geprallt und dabei hat sie sich die Nase gebrochen. So. Das wollte ich nur mal sagen. Schönen Tag noch.“ Dann sei der Mann wieder gegangen, und zwar ohne etwas zu kaufen. Erzählte der Gmiasmo.
Er sah in die Runde am Biertisch und wartete auf Reaktionen. Da nahm der Schreibi einen Schluck aus seinem Maßkrug und sagte: „Wannst mi frogst, die woa beim Mang.“ Und dann spielte die Blasmusik „Tage wie diese.“