Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.05.2013

321_Klimashitstorm

Gut, ich bin natürlich kein Klimaforscher oder Meteorologe, aber ich besitze eine recht gut funktionierende innere Wetteraufzeichnung. Und so kann ich ziemlich genau sagen, wann die Abschaffung des so genannten Frühlings begonnen hat, nämlich im Jahr 2006. Damals war es bis zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-WM in Deutschland bitterkalt. Noch im Mai sang kein einziger Vogel. Die lagen da allesamt in Afrika in der Sonne herum und ließen sich Cocktails servieren. Das weiß ich noch ganz genau. Damals war ich auch viel auf Reisen und hatte ständig diese Rollsplit-Steinchen unter meinem Koffer. Sie klemmten in den Rädern fest, was mir und den anderen Fahrgästen der Bahn beträchtlich auf die Nerven ging. Wir verbrachten viele Stunden unserer Zugfahrten damit, den spitzen Split zwischen den Koffern und ihren Rollen heraus zu fummeln. Für Reisende, die vom Mars auf die Erde kamen und zum ersten Mal deutsche Bahnkunden dabei beobachteten, musste es so ähnlich aussehen wie der Felsen von Gibraltar, auf dem Affen sitzen und sich gegenseitig lausen.
Ich lause nun schon seit Jahren zwischen Ende Oktober und Ende Mai meine Kofferkugelgelenke, betrachte die Steinkörnchen, die ich dort finde und denke, dass ich im nächsten Leben als Streuguthersteller wiedergeboren werden möchte. Das muss ein feines Leben sein. Mit Streu kann man gut Schotter machen, denn die meisten Gemeinden verzichten zu Gunsten des Steingranulates auf die Ausbringung von Salz. Das ist gut für die Umwelt und ein stilles aber effizientes Konjunkturprogramm für das deutsche Handwerk.
Tausende Tonnen dieser Steinchen werden nämlich jedes Jahr verteilt, 2010 waren es alleine in München 140 Tonnen – pro Quadratkilometer. Ungefähr die Hälfte davon wird im Juni – wenn es nur noch leichten Bodenfrost gibt – von der Stadtreinigung wieder aufgekehrt und im Straßenbau verwendet. Die andere Hälfte haftet an Schuhen und Koffern und zerkratzt alleine in München 140 Quadratkilometer Parkett pro Jahr. Die Bodenleger und Schreiner sind daher ganz begeistert vom langen Winter.
Meine Kinder vermissen den Frühling nicht, denn sie haben ihn kaum jemals bewusst erlebt. Der Frühling ist für sie also so etwas Ähnliches wie „Banjo“. Nur die Älteren können sich noch an diesen Schokoriegel erinnern. Eine Waffelköstlichkeit war das, gekrönt mit Haselnusssplittern und überzogen mit Vollmilchschokolade. „Banjo“ wurde 1979 eingeführt und 2009 vom Markt genommen, drei Jahre später als der Frühling. Aber in beiden Fällen wurden die Verbraucher nicht informiert, wahrscheinlich weil man Angst vor einem Shitstorm hat. Frühlings-User könnten Hassmails an die Verantwortlichen des Klimawandels schreiben. Aber wer sind die überhaupt?
Das ist die große Frage der Stunde. Ist die Sonne schuld, weil sie einfach keinen Bock mehr hat? Ist es der Mensch mit seinen Treibhausgasen? Oder ist überhaupt niemand schuld? Letzteres ist ungefähr die Position der Klimakritiker. Wobei dieses Wort ja schwer in die Irre führt, denn der Klimakritiker kritisiert ja nicht das Klima, sondern die Klimaforschung. Die Kritiker weisen zum Beispiel etwas kleinkariert darauf hin, dass sich das Klima immer schon irgendwie gewandelt habe, das gehöre einfach zur Erdgeschichte dazu, der Klimawandel sei einfach da, so ähnlich wie Claus Kleber oder das Streugut. So viel Frechheit gegenüber ihrem ernsten Forschungsgegenstand haben sich die staatlichen Klimawissenschaftler nicht gefallen lassen. Kann man auch irgendwie verstehen. Das geht einem ja an die Berufsehre und würde bedeuten, dass viele Milliarden Steuergelder, die man für Streugut hätte verwenden können, in überheizte Klimaforschungslabors gefeuert wurden. Also hat das Umweltbundesamt eine Broschüre veröffentlicht, in der Klimakritiker der Unwissenheit geziehen und sogar mit Namen genannt werden. Die hätten keine Ahnung, mosert das Umweltbundesamt.
Ich habe auch keine Ahnung. Ich weiß nur, dass der Frühling weg ist und das finde ich sehr schade, schon wegen der Übergangsjacken, die ich nicht mehr tragen kann. Was soll’s. Jetzt soll ja der Sommer kommen. Darauf freue ich mich immer wie wild. Wirklich. Der Sommer ist für mich die schönste Woche im Jahr.