Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.06.2013

322_Zumutungen

Neulich war ich gedanklich mit einem wirklich wichtigen Thema beschäftigt. Ich saß an meinem Schreibtisch und dachte nach. Das sieht nicht nach Arbeit aus, aber es ist Arbeit. Meinen Sohn juckt das nicht. Er kommt trotzdem manchmal verbotenerweise herein, manchmal aus wichtigem, manchmal aus nichtigem Grund. Jedenfalls störte er mich bei einem fundamental wichtigen Gedankengang. Der ging so: Kann man der FDP eigentlich ihre Existenz noch zumuten? Die würden ständig geärgert und gehänselt, stand neulich in der Zeitung. Wie soll man darauf reagieren?
In meiner Kindheit hieß es immer, man solle weggehen, wenn irgendwo böse Leute seien. Nicht ärgern lassen, einfach gehen. Sehr weise. Aber wohin soll die FDP schon gehen? Vielleicht in ein Reservat nach Mecklenburg Vorpommern. Dort liegt die Halbinsel Damerower Werder im Kölpinsee. In diesem Naturschutzgebiet wurde vor längerem ein Wisentreservat eingerichtet. Auf 320 Hektar leben dort mehrere Herden dieser Hornträger aus der Unterordnung der Wiederkäuer. Das könnte der ideale Ort für Hornträger wie Rainer Brüderle und Phillip Rösler sein. Niemand hänselt, keiner meckert. Im Gegenteil. Täglich zwischen 11 Uhr und 15 Uhr können interessierte Tierfreunde die seltene Art bestaunen, füttern und streicheln. Balsam für die geschundene Seele der FDP könnte das sein, wo ihre Existenz doch so eine Zumutung darstellt.
Das waren meine Überlegungen und sie gingen dann dergestalt weiter, dass ich über weitere Zumutungen nachdachte. Einer großen Zumutung werden die Studiozuschauer beim „Aktuellen Sportstudio“ ausgesetzt. Immer am Ende der Sendung werden sie dazu genötigt, fünf Minuten am Stück wie Klatschmaschinen zu applaudieren, wenn auf die Torwand geschossen wird. Das war früher anders. Als Günther Netzer 1974 fünf Mal traf, machte das Publikum keinen Mucks. Nur zwischen den Treffern gab es mäßigen Beifall. Heute hingegen müssen die Zuschauer einen Radau machen wie eine Wasserbüffelherde in einem mecklenburgischen Porzellanladen, dabei trifft fast niemand mehr. Aber die armen Leute müssen trotzdem klatschen wie beim 26. Parteitag der KPDSU. Eine Zumutung.
An dieser Stelle meiner Überlegungen erschien also der Kopf meines Sohnes in der Tür. Ich brummte, dass ich arbeiten müsse. Nick sagte, dass er nur ganz kurz stören wolle. Das sagt er immer, aber es bringt mich völlig raus. Die Konzentration ist für mindestens zwanzig Minuten dahin. Er fragte: „Wo ist Bulgarien?“ Er sagte, jeder müsse ein Referat über ein europäisches Land machen und da er und sein Kumpel Finn bei der Verteilung der Länder nicht aufgepasst hätten, seien am Ende die coolen Länder weg gewesen und nur noch Belgien und Bulgarien übrig geblieben. „Und da wollte ich wissen, wo Bulgarien liegt.“ Ich überlegte kurz und sagte dann: „Bulgarien ist rechts unten.“ Nick bedankte sich und zischte wieder ab.
Aber meine Konzentration war dahin. Ich dachte nicht mehr über Zumutungen nach, weil ich anfing, über Bulgarien nachzudenken. Bulgarien besteht zu 80 Prozent aus Wald, zu 19 Prozent aus Körperbehaarung und zu einem Prozent aus Joghurt. Mehr weiß ich nicht. Ich beneidete meinen Sohn nicht, nahm aber an, dass er einfach den Wikipedia-Eintrag kopieren und vorlesen würde. In diesem Fall hielt ich das auch für das Beste.
Offensichtlich hat er das aber nicht getan, denn am Abend des nächsten Tages klingelte das Telefon und Nicks Klassenlehrerin war dran. Nick habe ein Referat gehalten und dabei Bulgarien nach Australien verlegt. Auf Nachfrage habe er extra noch mal auf der Karte das Land gezeigt und behauptet, sein Vater habe ihm das so erklärt. Bulgarien sei rechts unten und das da sei bitteschön rechts unten. Die Lehrerin war darüber sehr verstimmt. Dabei finde ich die Vorstellung sehr hübsch. Bulgarien und Australien könnten einfach tauschen. Dann müsste man auch nicht mehr so weit reisen, um mal den Ayers Rock zu sehen, diesen knallroten Felsen in der Wüste Australiens. Das wäre schön. Denn gerade diese wahnsinnig langen Flugreisen in der Economy Class, sind ja sowohl für Wisente als auch für FDP-Mitglieder und andere Reisende eine absolute Zumutung.