Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.06.2013

323_Klunkerkauf

Wenn in meinem Leben jemals von Diamanten die Rede war, dann bezog sich der Begriff auf den Tonabnehmer eines Plattenspielers. Die Älteren werden sich noch erinnern: Am äußersten Ende des Tonarms befand sich ein Klötzchen und daran hing eine winzige Nadel und daran wiederum: Der Diamant. Er war nicht im eigentlichen Sinne kostbar, sorgte aber für wertvolle Verzückung. Der Diamant diente nämlich dazu, auf geheimnisvolle Weise den Ton aus der Rille des Vinyls zu schürfen und über den Tonarm ins Innere des Plattenspielers zu befördern. Von dort aus gelangte der Schall über ein Kabel in einen Verstärker, der je nach Bauart und Finanzkraft des Besitzers zwischen einem und dreißig Kilo wog. Darin wurde der Schall aufpoliert und mit Kraft geladen, bevor er wiederum durch dünne oder nudeldicke Transportkabel auf Reisen ging und in den Lautsprecherboxen landete. Deren Membrane blubberten vorfreudig wie Magma, sobald der Diamant in der Rille Platz nahm.
Der Diamant musste mit einer kleinen Bürste gepflegt werden, die Schallplatten ebenfalls. Sonst sammelte der winzige Edelstein nicht mehr Musik, sondern Hausstaub und wenn man nicht aufpasste, weil man mit Knutschen oder Rauchen beschäftigt war, rutschte plötzlich die Nadel mit einem größeren Staubknödel versehen quer über die Platte und versaute die ganze Stimmung. Lange her. Die Stereoanlage spielt heute praktisch keine Rolle mehr.
An all das musste ich denken, als mein Schwiegervater Antonio Marcipane mir vorschlug, ihn in die Stadt zu begleiten. Er wolle dort einen Diamanten für Ursula kaufen. Ich fragte ihn, ob sie denn noch Schallplatten hören würden und er verpasste mir eine Kopfnuss. „Kaufi der Diamant zur Belohnung fur meine Frau, du dumme Salat.“ Die beiden sind nun fast fünfzig Jahre verheiratet und wenn jemand eine Sondergratifikation für diese Leistung verdient hat, dann Ursula Marcipane. Antonios Spendierhose hat allerdings keine sehr tiefen Taschen und daher fiel die Edelsteinbesichtigung beim besten Juwelier der Stadt angenehm kurz aus. Nachdem Toni festgestellt hatte, dass ein Karat nicht etwa als Bezeichnung für einen tischtennisballgroßen Klunker dient, sondern als Beschreibung eines Steinchens mit einem Gewicht von etwa 0,2 Gramm, schmolz sein Investitionsmut ungefähr auf die Größe eines Tonabnehmer-Diamanten. Er verkündete, dass dieser Juwelier nicht das Richtige für ihn habe und verließ beleidigt das Geschäft.
Auf der Straße legte er mir seine Definition eines gültigen Edelsteines auseinander. Demnach müsse man diesen aus zwanzig Meter Entfernung ohne Brille deutlich erkennen können. Dieses Rumgesuche mit der Lupe und das kleinliche Wiegen von sandkorngroßen Fitzelchen seien ihm und seiner Gattin nicht zumutbar. „Eine Diamant nach meine Meinung musse groß sein. Preis iste egal.“ Damit meint er, dass es dabei keine Rolle spielt, wie billig das Stück letztlich ist. Hauptsache groß. Wir mäanderten durch die Einkaufsstraße und landeten schließlich in einer Boutique für Modeschmuck. Dort blinkte und funzelte die Ware mit Antonio um die Wette, der auf der Suche nach dem größten Stück des Ladens sehr schnell fündig wurde. Nach wenigen Sekunden hielt er eine Halskette mit einem eingefassten durchsichtigen Stein von einschüchternder Größe in der Hand. Er fragte die Verkäuferin, ob es sich dabei um einen echten Diamanten handele. Die Frau, deren Fingernägel aussahen wie rosafarbene Bratenspieße, schaute mich unsicher an und ich nickte ihr zu. Darauf bejahte sie die Frage und Antonio kaufte das Schnäppchen für 39 Euro.
Wir fuhren in der S-Bahn nach Hause, Antonio hielt seinen Schatz umklammert wie die Bundeslade. Uns gegenüber saßen zwei Jungen in Skaterkleidung. Sie spielten sich Musik vor. MP3-Musik aus MP3-Playern. In diesen Dingern geschieht nichts Erhabenes mehr. Nichts wird von einem winzigen Schatz aus einer unergründlichen schwarzen Rille gehoben und durch verschlungene Kabelwege zum Ohr befördert. Es sind nur kleine Dateien, die auf Flash-Speichern oder Minilaufwerken lagern und von digitalen Signalprozessoren in Blechmusik umgewandelt werden. Irgendwie traurig, wenn man ein Kulturpessimist ist. Antonio wippte im Takt und freute sich über seinen riesigen Edelstein.