Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.06.2013

325_Pläne für später

„Was würdest Du machen, wenn heute der letzte Tag Deines Lebens wäre?“ Ich sitze draußen und bin dabei, einen Artikel über Dietmar Dath zu lesen, der 93 Prozent meiner geistigen Fähigkeiten in Anspruch nimmt. Die restlichen sieben Prozent brauche ich, um eine Tasse festzuhalten und nicht vom Stuhl zu fallen. Wie kompliziert wird es wohl erst, wenn man einen Artikel von Dietmar Dath liest? Ich bin also einigermaßen beschäftigt und höre Nick nicht richtig zu. Also zieht er an meinem Ärmel und fragt noch einmal: „Was Du machen würdest, wenn heute der letzte Tag Deines Lebens wäre.“ Ich lasse die Zeitung sinken und antworte: „Vielleicht würde ich mich bei allen Leuten verabschieden, die ich mag. Füße vom Tisch.“ Nick nimmt die Schuhe vom Tisch und sagt: „Das ist ja voll langweilig. Weißt Du was ich machen würde? Ich würde alle Leute anzeigen.“
Das finde ich eine sehr merkwürdige Idee. „Was hast Du denn davon?“ frage ich ihn. „Nichts, aber ich fände es lustig. Dann müssten alle ins Gefängnis.“ Ich frage ihn, wen er denn im Falle des Falles so anzuzeigen gedenkt. „Angela Merkel,“ ruft er. Wenn mein zehnjähriger Sohn noch einen Tag zu leben hätte, würde er die Bundeskanzlerin anzeigen. Das ist ja hochinteressant. „Und warum? Die hat Dir doch gar nichts getan.“ Nick legt die Schuhe abermals auf den Tisch, nimmt sie jedoch auf einen Fingerzeig von mir in derselben Bewegung auch wieder runter. „Nö, die hat mir nichts getan, aber darum geht es ja gar nicht. Es geht nur um den Aufruhr, wenn sie ins Gefängnis muss und mit ihr alle Anderen, die ich anzeige.“ Ich erspare ihm den spielverderberischen Hinweis, dass nicht jeder sofort in den Knast muss, bloß weil er angezeigt wird.
Auch wenn das für die Allgemeinheit durchaus angenehme Folgen hätte. Es gäbe praktisch keine Staus mehr auf der Autobahn, weil circa achtzig Prozent der Deutschen im Gefängnis säßen. Und im Fußballstadion könnte man mit den billigen Tickets auf die teuren Plätze wechseln. Auch nicht schlecht. Ich nehme wieder meine Zeitung zur Hand, kann mich aber nicht konzentrieren. Was habe ich bloß falsch gemacht, dass mein Sohn schuldlose Mitmenschen denunziert? Das ist ja eigentlich ein Alptraum.
Nick schiebt meine Zeitung zur Seite. „Die Anzeige wäre in Wirklichkeit natürlich nur ein Vorwand, um in die Polizeistation zu kommen. Da schnappe ich mir die Dienstwaffe vom Polizisten und sein Auto und haue ab. Ich ballere in die Luft, heize mit der Karre rum und donnere überall gegen. Die verfolgen mich mit einhundert Autos und Hubschraubern.“ Das finde ich jetzt eine ziemlich einleuchtende Vision. So etwas in der Art hat sich doch jeder schon mal gewünscht. Um straflos Böses zu tun ist nämlich normalerweise ein langes Universitätsstudium oder wenigstens eine fundierte Banklehre nötig. An so einem allerletzten Tag kann man es aber auch ohne berufliche Legitimation strafbewehrt ordentlich krachen lassen. Nick erklärt mir, dass er die Sirene einschaltet, an der Tankstelle die Zapfsäulen umnietet und durch ein Kaufhaus brettert. Vorne rein und hinten raus, mit Büstenhaltern am Scheibenwischer. Ich vermute stark, dass er so etwas im Fernsehen gesehen hat. Er orientiert sich ganz allgemein weniger an Albert Schweitzer als an Iron Man. Ich hoffe, das ist das Alter. Sonst bekommen wir mittelfristig Probleme.
„Das mit dem Polizeiauto ist eine hervorragende Idee,“ sage ich. „Aber wenn sie Dich doch erwischen, verbringst Du den letzten Tag Deines Lebens in einer Zelle. Und das ist doch wirklich langweilig.“ Er schnippt gegen meine Zeitung. „Immer noch besser als rumzutelefonieren und sich zu verabschieden.“ Stimmt auch wieder. Man sollte den letzten Tag des Lebens auf jeden Fall genießen, wenn man kann. Wozu noch Steuerbescheide öffnen oder „Wetten, dass…“ gucken? Dann doch lieber fettig essen und viel rauchen. Aber dabei bleibt es dann auch, etwas deutlich Mutigeres fällt mir nicht ein. Minutenlang starre ich auf den Artikel über Dietmar Dath, bis ich die Kraft finde, ihn nicht bis zum Ende zu lesen. Dann mache ich mir einen dritten Espresso. Zu mehr Rebellion kann ich mich nicht entschließen. Irgendwie bin ich wahnsinnig neidisch auf meinen Sohn.