Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.08.2013

326_Potatoe Metal

Ich konnte mich einfach nicht auf meine Arbeit konzentrieren, weil ich ständig nur an eines dachte: Kartoffelsalat. Am Rechner klebte eine Haftnotiz. An der Haustür klebte eine Haftnotiz, am Spiegel im Bad und an der Innenseite der Windschutzscheibe. Alles, um zu verhindern, dass ich den Kartoffelsalat vergaß. Antonio Marcipane ist süchtig danach. Er liebt die süddeutsche Variante, in der keine Mayonnaise zum Einsatz kommt, sondern viel salzige Brühe. Man bekommt den Salat günstig bei jedem Metzger, weil er als Sättigungsbeilage zu Leberkäs tonnenweise auf bayerischen Baustellen verzehrt wird. Unsere Ankündigung, Antonio am Wochenende zu besuchen regte ihn dazu an, genau diesen Kartoffelsalat bei mir zu bestellen. Im Grunde genommen ist das auch keine große Herausforderung, doch je öfter man daran erinnert wird, desto brenzliger, desto heikler, desto lebenswichtiger wird der Auftrag irgendwann. Bald konnte ich an nichts anderes mehr denken.
Ich trug „Kartoffelsalat!!!“ als Termin in meinem Handy ein, mit Erinnerungsfunktion. Danach bimmelte es alle zwei Stunden und im Display stand „Kartoffelsalat!!!“ Und ich schrieb diese Haftnotizen. Antonio erhöhte den Druck zusätzlich, indem er fünf Mal anrief, um zunächst an seine Bestellung zu erinnern. Dann verdoppelte er sie auf zwei Kilo, von denen er ein Kilo einfrieren wollte. Im dritten Gespräch nahm er davon – offenbar nach Rücksprache mit seiner Gattin – Abstand und wollte nun eineinhalb Kilo haben. Beim vierten Anruf warnte er davor, das Zeug schon zu kaufen, weil es dafür eigentlich noch zu früh sei, da wir erst in vier Tagen kämen. Bis dahin sei der Salat womöglich bereits schlecht. Und am Freitag rief er noch einmal an, um zu fragen, ob ich den Kartoffelsalat schon besorgt hätte. Er wolle ansonsten nur noch einmal daran erinnern.
Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ich dachte ja an nichts anderes mehr. Und das, wo ich durchaus zu tun hatte. Das neue Album von Black Sabbath gab nämlich Anlass, sich einmal mit Heavy Metal auseinanderzusetzen. Ist das eigentlich total doof oder in Wahrheit sogar richtig toll? Richtig lustig ist diese Musikrichtung auf jeden Fall, besonders wenn man sich einmal mit der Tatsache vertraut macht, dass es beim Hardrock ungefähr so viel Sorten gibt wie in einer gutgeführten italienischen Eisdiele in Innenstadtlage. Es existieren also Heavy Metal und daneben sowieso Speed Metal, Black Metal und natürlich Thrash Metal. Alles klar. Hinzu kommen aber dann noch Orchideenfächer wie Doom Metal, Gothic Metal, Metalcore, Symphonic Metal, Nu Metal, New Wave of British Heavy Metal, Industrial Metal, Power Metal, Progressive Metal, Glam Metal, Stracciatella Metal, Copacabana-Becher Metal, Banana-Flip Metal und die miteinander verwandten Pagan Metal und Viking Metal. Wer Letzteres hört, sieht vermutlich aus wie Gimli, der Zwerg aus „Herr der Ringe“. Besonders gut gefiel mir Folk Metal. Das klingt für mich ähnlich widersprüchlich wie Wurstschokoloade oder Marzipankartoffelsalat. Die Haftnotiz glotzte mich an. Kartoffelsalat.
Wer klug ist, delegiert lästige Aufgaben an Mitarbeiter. Leider habe ich keine. Nur einen Sohn, der auf einen Computer spart. Das Ding kostet 1000 Euro. Nick hat ausgerechnet, dass er 2000 T-Shirts dafür bügeln muss und vierzig Tage dafür braucht, vorausgesetzt er plättet täglich 50 Hemden. Er bettelte um Jobs und bot sogar an, sein Zimmer gegen Bares pikobello aufzuräumen. Kurz vor unserer Abfahrt trug ich ihm stattdessen auf, eineinhalb Kilo Kartoffelsalat beim Metzger zu besorgen. Gegen Honorar. Ich weiß, pädagogisch ist das kontraproduktiv, aber ich hielt den Druck nicht mehr aus.
Nick kehrte kurz nach Ladenschluss zurück. Den Salat hatte er vergessen, dafür aber von seinem Ersparten und dem Salatgeld eine riesige Wasserpistole gekauft. Er hatte einfach nicht widerstehen können. Also habe ich den Salat selber gemacht. Es war nicht ganz das, was Antonio erwartet hatte und natürlich wies er darauf hin, dass er mich extra mehrfach angerufen habe. Aber bitte, auf den Herrn Schwiegersohn sei eben kein Verlass. Dafür bekam mein bankrotter Sohn von seinem Opa zwanzig Euro geschenkt. Für seinen Computer. Eigentlich unerhört.