Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.07.2013

327_Schnackselabi

In Schweinfurt haben gerade alle 27 Abiturientinnen und Abiturienten einer Fachoberschule die schriftliche Abiprüfung vergeigt. Sie erreichten in Mathe durchschnittlich einen Punkt von 15 möglichen. Einen! Das finde ich sehr merkwürdig, wenn man bedenkt, dass man normalerweise wenigstens aus Versehen irgendwas richtig macht, wenn man sich länger auf so eine Prüfung vorbereitet. Und das werden die Damen und Herren doch wohl getan haben. Und Lehrer wird es womöglich an der Schule ebenfalls geben. Schon komisch. Die Eltern der betroffenen Schülerinnen und Schüler finden das auch und etliche von ihnen wollen die private Schule nun verklagen. Das ist sehr en Vogue, auch in weniger aussichtsreichen Fällen.
Gerade habe ich von einem Vater gehört, der die Schule seines Sohnes juristisch belangen will, weil sich dort nämlich seiner Meinung nach etwas Traumatisches ereignet hat: Ein Deutschlehrer hat dem Sohn nämlich bescheinigt, eine Grammatik-Pfeife zu sein. In genau diesen Worten. Der 14jährige hat diesen Befund an seine Eltern weitergegeben und der Vater klagt nun wegen Nötigung, Mobbing und seelischer Grausamkeit. Es steht die Frage im Raum: Darf ein Lehrer einen Schüler als Pfeife bezeichnen? Ich glaube schon, jedenfalls wenn er Recht damit hat. Pflaume geht meiner Meinung nach auch noch, Idiot eher nicht. Ein 14jähriger Gymnasiast, der wo keinen geraden Satz am rausbringen ist, sollte auf jeden Fall vielleicht einfach daran arbeiten, anstatt sich über seinen Lehrer zu beklagen, der jedes Mal knapp am Burnout vorbeischrammt, wenn er eine Klassenarbeit der Pfeife korrigieren muss. Das ist schon Strafe genug, da muss man nicht noch verklagt werden. Auf diese Idee kamen in meiner Schulzeit nur die allerwenigsten Eltern.
Damals durften die Lehrer jedenfalls noch entschieden mehr. Einer hat mich mal „Tünnes“ genannt, weil ich mir die Haare blondiert hatte. Heute müsste er dafür vermutlich ins Gefängnis, damals fand ich es sogar selber lustig. Heikel konnte die Lage für einen Gymnasiallehrer eigentlich nur durch den Radikalenerlass werden. Dieser sollte sicherstellen, dass die Schule nicht von Kommunisten oder anderen die Jugend verderbenden Elementen unterwandert werden konnte. Über die Jahre wurden deshalb fast eineinhalb Millionen Deutsche auf ihre Gesinnung überprüft. Dazu gehörte mein Geschichtslehrer. Der hat eines Tages in die Klasse gefragt, warum die Menschen zu irgendeiner Zeit weniger Kinder hatten. Und weil niemand die Antwort wusste – sie hatte wahrscheinlich mit der Pest zu tun oder mit dem Dreißigjährigen Krieg – rief er genervt in die Klasse, dass die Leute vermutlich aus irgendeinem Grund weniger geschnackselt hätten.
Dies erzählte eine Schülerin zuhause und ihre Eltern marschierten zum Schuldirektor, um sich über die ungeheuerliche Entgleisung des Lehrers zu beschweren. Dieser musste sich daraufhin einer ausführlichen Überprüfung seiner Person aussetzen, die darin gipfelte, dass ein schwitzender Typ vom Ministerium in unserem Unterricht saß und protokollierte, was der Geschichtslehrer so machte und sagte. Jemandem, der vor einer achten Klasse das Wort „schnackseln“ freimütig verwendete, dem waren offenbar auch andere Sauereien zuzutrauen, zum Beispiel Gruppensex, die Teilnahme an Sit-ins und das Tragen von Batik-Hemden. Der Mann tat mir leid und am Ende kam rein gar nichts bei der Sache heraus. Er wurde jedenfalls nicht aus dem Dienst entfernt.
Heute wird wegen anderer Dinge geklagt, meistens wegen der unbotmäßigen Benotung von Leistungen. Im Falle der Fachoberschule in Schweinfurt muss man noch herausfinden, was zum Versagen der Prüflinge geführt hat. Wahrscheinlich haben sie sich einfach vollkommen falsch aufs Abi vorbereitet. In diesem Zusammenhang soll hier lebenshilfetechnisch darauf hingewiesen sein, dass neunzig Prozent aller männlichen und über siebzig Prozent aller weiblichen Jugendlichen mehr oder weniger regelmäßig Pornos anschauen. Und wo geschnackselt wird, da kann man nicht für Mathe üben. Und da muss man auch ruhig mal die Lehrer fragen, was die eigentlich im Unterricht getrieben haben. Wahrscheinlich kein Wunder, dass sie nicht bestanden haben, in Schweinfurt.