Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.07.2013

328_Gendergrilling

Da geht man ohne Erwartung oder messbare Hirntätigkeit durch den Verbrauchermarkt und stößt plötzlich auf die „Barbara-Becker-Sauberlaufmatte.“ Na sowas. Eine Sauberlaufmatte ist so ein Riesenlappen, der in Hotels oder Firmeneingängen rumliegt, damit man sich die Schuhe darauf trockenläuft, wenn schlechtes Wetter ist. Die Barbara-Becker-Sauberlaufmatte ist quasi die Prinzregententorte unter den Fußabtretern.
Aber haben wir das gewollt? Habe ich dafür den BH meiner Mutter verbrannt? Wollen wir Produkte, die den Status der Frau als dienstbaren Geist zementieren? Wobei: Wahrscheinlich hat sich Barbara Becker ihr Schicksal als Sauberlaufmattenwerbeikone selber ausgesucht. Vielleicht gibt es sogar Geld dafür. Und da kann man schon mal seine emanzipatorischen Bedenken beiseite schieben. Im Grunde hat Barbara Becker die Männerwelt damit sogar sauber ausgetrickst. Wir denken noch, die arme Frau fristet mit einem Buttermilchbärtchen bekleidet zwischen ihren Pilatesübungen das Schicksal einer alleinerziehenden Mutter, die zuhause im Akkord Sauberlaufmatten knüpft, dabei zählt sie in Wahrheit die Millionen, die sie damit verdient, ihren Kopf für diese merkwürdige Riesenfußmatte hin zu halten.
Das sollte Ansporn für weitere Promi-Produkte sein, denen man große Marktchancen einräumen muss. Ich warte jetzt auf den Barbara-Schöneberger-Wagenheber, die Marietta-Slomka-Teewurst und den Heidi-Klum-Eierschneider. Alles Sachen des täglichen Bedarfs, denen man durch die Verknüpfung mit einem bekannten Namen sicher ein hohes Erfolgspotential zubilligen muss. Dass das Frauenbild auf diese Weise ein wenig an die fünfziger Jahre erinnert, macht eigentlich nichts, denn auch die Vorstellung von Männlichkeit wird gerade wieder auf erdnahes Niveau gesenkt, wie ich beim Durchblättern einer Zeitschrift feststellte, die mir jemand geschenkt hat. Das Heft heißt „Beef.“
Es handelt sich dabei um einen neuen Typus des Herrenmagazins, in dem allerdings keine gebräunten Frauenleiber gezeigt werden, sondern im Wesentlichen verkokeltes Grillfleisch. Trotzdem handelt es sich um eine Art Porno. Nur halt mit Essen. Eine Bilderstrecke über Hotdogs haben die lustigen Redakteure mit der frivolen Titelzeile „Doggy Style de Luxe“ versehen. In der Fotografie sieht das Ganze allerdings nicht sexy aus, sondern eher so wie man sich überblitze Bilder von Verkehrsunfällen vorstellt. Das Steinsalz in einem weiteren Beitrag sieht aus wie Kokain und die Steaks wie Peep-Show-Tänzerinnen. „Beef“ wartet aber auch mit anderen Themen aus der Welt der Kulinarik auf. Unter dem abermals listigen Titel „Die Stecher“ werden zum Beispiel Erntearbeiter aus Osteuropa präsentiert, die von ihrem harten Leben berichten. Allesamt arme Kerle, die zehn Stunden täglich für einen Hungerlohn in gebückter Haltung über deutsche Felder hasten, weil es ihnen zuhause noch dreckiger gehen würde. Die Redaktion kündigt dazu mitleidlos „drei geniale Spargelrezepte“ an.
Natürlich weist sie auch auf Produkte hin, zum Beispiel auf Messer, denn jeder Mann besitzt eine natürliche Hinstimmung zu scharfen Klingen. Also wirklich jeder. Dieser Befund hat es allerdings schwer gegen eisenhart wichtige Informationen über Joghurt. Wer wie ich keinen Hauswirtschaftskurs in der Schule hatte, wird taumelnd vor Begeisterung folgenden Hinweis zur Kenntnis nehmen (Achtung! Anschnallen!): „Gekühlt hält sich milder Joghurt bis zu drei Wochen.“ Hammerfacts für alle, denen der Grilldunst die Birne vernebelt hat.
Frauen kommen in „Beef“ nur am Rande vor, und werden dann mit „liebe Mädchen“ angesprochen als hieße der Chefredakteur Heiner Lauterbach. Ein ganz seltsames Bild vom modernen Mann wird da gezeichnet: Tätowiert und enorm bemuskelt steht er am Schwenkgrill, baut sich eine Küche aus Beton und isst Schokolade mit „crunchigen Stückchen, die nach Speck schmecken“. Und doch kann er am Ende seinem Schicksal nicht entgehen. Denn der ganze Männlichkeitsquatsch ist in Wahrheit nur Maskerade. Soziologen weisen verschiedentlich darauf hin, dass der moderne Mann tatsächlich eine halbe Frau ist. Und plötzlich kommt einem Barbara Becker mit ihrer Sauberlaufmatte nur noch halb so merkwürdig vor.