Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.07.2013

329_Ein cooler Flop

Im entscheidenden Moment haben mir die Nerven versagt. Ich war dem Leistungsdruck nicht gewachsen. Dabei hätte ich mir diesen Quatsch auch sparen können, wenn ich meinen alten Kühlschrank besser behandelt hätte. Dann würde der jetzt noch leben und ich nicht ständig an meine Schlappe erinnert werden. Das Dilemma begann damit, dass unser Kühlschrank kaputt ging. Ich habe ihn nie geschont, schon weil ich ihn hässlich fand. Er war uns von den Vormietern hinterlassen worden und passte nicht in die Küche. Seine Arbeitseinstellung ließ zu wünschen übrig. Irgendwann schwang er sich überhaupt nur noch zu akzeptablen Kühlleistungen auf, wenn man ihn trat und beschimpfte. Daraufhin erzitterte das ganze riesige Gerät als fröre es und es dauerte von da ab nur noch knapp neun Stunden bis das Bier kalt war. Oder wenigstens kühl. Jedenfalls nicht warm, also zumindest nicht heiß.
Die ganze Familie wünschte das Ding in den Kühlschrankhimmel. Nachts rumpelte es manchmal wie im Traum plötzlich los und als ich einmal seine Birne auswechselte, flogen sämtliche Sicherungen heraus. Das Gefrierfach ließ sich nicht mehr öffnen, weil es von wolkigem Eis zugefroren war. Ich vermutete, dass irgendetwas historisch Bedeutsames darin lag und zum Vorschein kommen würde, wenn wir das Ding abtauten, was aber in sechs Jahren nie geschah. Wir rückten den Schrank aus Angst vor gruseligen Funden auch nie von der Wand ab, aber wir muteten ihm epische Öffnungszeiten zu, wenn wir Einkäufe in ihn hinein stopften. Sein Dichtungsgummi wurde spröde wie ein Altbundeskanzler auf Nikotinentzug und das Butterfach fiel mir einmal wie unter laschem Protest entgegen, als ich ihn öffnete. Und vor drei Wochen starb der Kühlschrank schließlich. Nachdem die Tür von selber aufgegangen und der letzte kühle Lebensmut entwichen war, stand er die ganze Nacht dunkel und stumm da und am Morgen tropfte das Wasser aus dem Eisfach, welches übrigens einen Beutel Erbsen mit einem Verfallsdatum bis Mai 1988 enthielt.
Wir rückten das tote Gerät von der Wand, entdeckten dabei außer Staub und Spinnweben ein Markstück und ein prähistorisches Hubba Bubba und stellten den Kühlschrank vors Haus. Dann fuhr ich mit Nick zum Elektromarkt, um einen Neuen zu erwerben. Darauf hatte ich mich seit Jahren gefreut, doch im Geschäft verließ mich der Konsumentenmut. Kühlschränke sind heute komplexe und stille Gebilde mit mehrsternigen Fächern und LED-Displays. Was ich denn genau mit dem Kühlschrank machen wolle, fragte mich der Verkäufer. Ich brauchte eine Weile für meine Antwort, weil ich erst dachte, er wolle mich veräppeln.
Nick forderte einen Trumm mit Eiswürfelspender, Hausbar und Solar Fresh Zone, aber ich bestand auf einen Kühlschrank. Einen normalen Kühlschrank. Der Verkäufer zeigte Modelle, die man nie mehr abtauen muss, worauf ich äußerte, dass ich das sowieso noch nie getan hätte. Die ganze Sache dauerte Nick entschieden zu lange. Er schlauchte zehn Euro bei mir und machte sich auf die Suche nach einer DVD. Schließlich trafen wir uns an der Kasse wieder. Nick bezahlte einen Film, ich den neuen Kühlschrank mit Antifingerprint, Active Ionizer -Zone und Pure N Fresh-Luftreinigungssystem.
Als wir den Elektromarkt verließen kamen wir an einer Torwand mit einem Loch vorbei. Wer mit einem Fußball hinein traf, bekam seinen Einkauf umsonst. Nick war begeistert. Er rannte hin und legte sich den Ball zurecht. Dann nahm er fünf Meter Anlauf, schoss und versenkte ihn mitten ins Loch. Er ging auf die Knie und machte die Bierhoff-Säge. Derart angestachelt trat ich ebenfalls an. Die Sonne brannte. Irgendwo hupte ein Auto. Mein Sohn machte Faxen. Ich lief an und ballerte ungefähr zehn Meter übers Tor. So ähnlich wie Uli Hoeneß damals, 1976 in Belgrad. Ich fühlte mich genau wie er, nur mit Kühlschrank. Nick holte sich an der Kasse sein Geld und freute sich, während ich auf der Heimfahrt kein Wort sagte.
Immer, wenn ich das neue Frischecenter in unserer Küche öffne und in sein kalt beleuchtetes Warenangebot starre, denke ich an diese verdammte Torwand und mein Versagen. Und was das Schlimmste ist: Als wir zuhause ankamen war der alte Kühlschrank schon abgeholt worden. Ich konnte mich nicht einmal von ihm verabschieden.