Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.07.2013

330_Partyhopping

Am Ende habe ich unseren Sohn fotografiert. Nicks Anblick war es wert, für immer konserviert zu werden. Ich stelle mir vor, dass ich das Foto einmal bei seiner Hochzeit auf eine große Leinwand projiziere. Was auf dem Foto zu sehen ist? Ein im Stehen eingeschlafener Zehnjähriger in einem pottdreckigen Outfit, welches aus einem Barcelona-Trikot-Oberteil und kurzen Jeans, einem Strumpf (links) und einem Turnschuh (rechts) besteht. Das Gesicht ist grün angemalt wie bei einem Manöver im Teutoburger Wald. So habe ich ihn noch nie gesehen. Was ist passiert? Drei Geburtstage sind passiert.
Lorenz lud für Freitag zum Besuch eines Freizeitparks ein. Anschließend standen Grillen und gemeinsames Zelten an einem See auf der Agenda. Bitte Isomatte und Schlafsack mitbringen. Nick sei am folgenden Tag um 10 Uhr abzuholen. Das überschnitt sich sachte mit Einladung Nummer zwei, bei der Moritz seinen Geburtstag mit einer Wanderung in den Bergen, anschließendem Grill-Event und einer zünftigen Zeltübernachtung begehen wollte. Treffpunkt Samstag 10 Uhr, bitte Isomatte und Schlafsack mitbringen. Für die dritte Party waren Matte und Sack nicht vonnöten, dafür sollte man seinen Knaben aber am Sonntag spätestens um halb zehn bei Gastgeber Finn abliefern. Es ginge von dort aus in ein Adventure-Gelände, worunter ich mir nichts vorstellen konnte. Ich riet Nick, sich für eine Veranstaltung zu entscheiden. Ich nehme ja auch nicht erst an einem Paragliding-Wettbewerb, dann an einem Triathlon und schließlich an einem Rammstein-Konzert teil. Genau genommen mache ich nichts von alldem, aber Nick wollte Action von Freitagmittag bis Sonntagabend. Alle seine Freunde würden da sein, denn alle waren überall eingeladen.
Ich brachte meinen bepackten Sohn zu Lorenz. Von dort fuhr die sechsköpfige Jungsgruppe zum Freizeitpark. Aber hier basieren die Schilderungen auf den Aussagen der drei mit der Leitung der Festivitäten betrauten Väter. Auf dem Gelände angekommen nahm die Festgesellschaft bei 35 Grad jedes Fahrgeschäft in Anspruch, bis praktisch alle Teilnehmer sich gegenseitig vollgekotzt hatten. Daher fiel der Grillappetit später nur mäßig aus und wurde mit Cola (offiziell) und Red Bull (heimlich) gestillt, was zu Remmidemmi bis spät in die Nacht führte. Außerdem fiel ein bemanntes Zelt ins Wasser. Schuldige waren nicht auszumachen, Opfer nahmen es mit Humor.
Frühstück nach drei Stunden Schlaf, dann gleich in die Berge, wo der Vater von Moritz bereits mit Plänen für eine Schnitzeljagd wartete. Diese wurde von der Gruppe dazu benutzt, eine holländische Familie zu Tode zu erschrecken. Außerdem landete Nick in einem Ameisenhaufen und das Grillfeuer von Moritz’ Vater wurde von der Bergwacht gelöscht. Er muss sich auf eine Anzeige gefasst machen und lud dann eben zu Mc-Donald’s, wo die hungrigen Burschen eine derart gewaltige Zeche verursachten, dass Moritz’ Vater darüber nachdachte, sie bei der Haftpflichtversicherung einzureichen. Zelten mit Nachtwanderung, weil einer der Jungs sich beim Pinkeln verlief und nicht mehr aufzuspüren war. Gegen fünf Uhr morgens entdeckten die Jungen beim schlafenden Vater Zigarillos. Probeweiser Rauchgenuss mit anschließendem Durchfall bei zwei Beteiligten, die anderntags ohne Unterhose zum dritten Geburtstag gebracht wurden.
Nach einer kurzen Fahrt – man sang den „Donnersong“ und „Finger im Po, Mexiko“ – öffneten sich die Tore zu einer Art Survival-Camp. Die Gäste wurden stilecht geschminkt, in zwei Gruppen geteilt und vier Stunden lang durch einen Parcours aus Kletterwänden, Wasserfällen und Seilgärten gehetzt. Anschließend verbrachten sie den Rest des Tages damit, in einem künstlichen Dschungel eine Truhe mit Süßigkeiten zu finden und durch die Wildnis zu schleppen. Nicks Gruppe gewann, wenn auch um den Preis des Verlustes eines Schuhs. Aber was ist schon ein Schuh, verglichen mit dem Spaß, den es macht, ihn in einem Schlammloch zu verlieren. Abfahrt im Abenteuerlager um 17 Uhr, Ankunft zu Hause um 18:30 Uhr. Ich trug Nick ins Bett und sah danach lange das Foto des stehend schlafenden Jungen an. Alles an ihm sah nach einem perfekten Wochenende aus.