Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.08.2013

331_Das Fieber steigt

Die Spannung vor dieser Saison ist kaum zu ertragen. Ich will, dass auf der Stelle die Bundesliga loslegt. Es wird die tollste Spielzeit seit der Erfindung dieser Sportart und anschließend noch durch eine Weltmeisterschaft verlängert. Großartiger geht es nicht. Sara ist übrigens der vollkommen absurden Ansicht, es liefe viel zu viel Fußball im Fernsehen. Gut, ja, es gibt wirklich eine Menge zu sehen; wir Deutsche sind nicht direkt unterversorgt mit diesem Sport.
Wenn man nicht völlig auf einen Verein festgelegt und auf atavistisch-stumpfe Weise zufrieden ist, wenn nur irgendwo ein Ball rollt, braucht man eigentlich nur die Glotze einzuschalten und findet ganz sicher darin ein Fußballspiel: Montags zweite Liga, Dienstags und Mittwochs Champion’s League, Donnerstag Euro-League, Freitag, Samstag und Sonntag Bundesliga. Dazwischen noch DFB-Pokal, Länderspiele, dritte Liga in den dritten Programmen, Frauenfußballspiele, Testspiele, Abschiedsspiele, Jubiläumsspiele, Hoeneß-Cup, AUDI-Cup und allerhand Qualifikationsspiele. Gar nicht zu reden vom Angebot der Sender, die ganz hinten in der Kanalliste firmieren und Spiele wie zum Beispiel die Knallerbegegnung Tractor Sazi Täbris gegen Sanat Naft Abadan samt übersteuertem Kommentar durch zwei sehr aufgeregte ältere Herren überträgt.
Ja, gut, es befinden sich also viele Fußballer im Fernsehen, aber es befinden sich eben auch sehr viele Fußballer vor dem Fernseher. 6,8 Millionen Deutsche spielen hierzulande in Vereinen. Hinzu kommen noch ein paar Millionen, die nur so mit Freunden auf der Wiese kicken und ungefähr zwanzig Millionen, die früher gespielt haben und es sehr weit gebracht, aber dann damals ihrer Mama zuliebe doch eine Ausbildung absolviert hätten. Man sieht, es ist schon rein rechnerisch eine gewaltige Zuschauermacht, gerade auch wenn man die Zahl der Aktiven mal mit der von Deutschen in der Formel 1 vergleicht. Da fahren gerade mal vier Landsleute mit. Das ist am Ende sehr beruhigend, denn stellen Sie sich mal vor es wäre andersrum. Wenn es nur vier deutsche Fußballer gäbe und aber 6,8 Millionen Formel-1-Fahrer, hätte das ganz sicher Auswirkungen auf die Unfallstatistik – und natürlich auch auf die Anzahl der Fußball-Übertragungen.
Übrigens bin ich sehr froh, dass die Spiele weiterhin in der „Sportschau“ gezeigt werden. Und eigentlich hätte ich die gerne in der Form von 1976 zurück. Da wurde vom Fußball noch ähnlich würdevoll berichtet wie von Gustav Stresemanns Trauerfeier. Dieser unfassbare Ernst, diese bis fast in die Teilnahmslosigkeit gedämpfte Begeisterung, diese rührende Genauigkeit der Kommentatoren. Am besten in Erinnerung ist mir aus dieser Zeit der stereotypische Satz: „Die nachfolgende Ecke brachte nichts ein.“ Ja. Logisch. Sonst hätte man sie ja vermutlich gezeigt, die nachfolgende Ecke, nicht wahr? Die Sprecher wuchsen höchstens bei Liveberichten emotional über sich hinaus. Dann raunte Wilfried Luchtenberg wie durch den eisernen Vorhang: „Das sind ja alles wieselfinke Gesellen, diese Russen“ oder Ernst Huberty bilanzierte ebenso bitter wie gefasst: „Kein Tor auswärts, so kann man einfach nicht gewinnen“ und Heribert Faßbender staunte: „Das war ein ziemlich schwacher Fehlpass.“ Da machte das Zuhören Spaß und man lernte auch was.
Mit den aktuellen Kommentatoren kann ich nur wenig anfangen. Sie klingen als seien sie allesamt auf die Rainer-Calmund-Hauptschule in Köln-Nippes gegangen („Isch sag’ immer: Zipp-zapp-Rubbeldikatz-Abmarsch-Klatschmarsch“). Steffen Simon, Gerhard Delling, Sabine Töpperwien. Schrecklich. Aber egal. Am Ende kommt es nicht auf die holprigen Moderationen von Onkel Delling an. Sondern auf die wirklich wichtigen Themen. Wird der FC Bayern tatsächlich mit 91 Punkten Vorsprung Meister? Wird sich Pep Guardiola nach der Winterpause bei Pressekonferenzen von Bernd Stromberg vertreten lassen? Wird der Hamburger Sportverein endlich in Hasensportverein umgetauft? Und vor allen Dingen: Wird Jürgen Klopp auch in der neuen Saison diese rasend bescheuerte Mütze tragen? Wirklich, ich kann die Spannung kaum noch ertragen.