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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.08.2013

332_Gelddinge

Heute und in den kommenden drei Wochen lesen Sie aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Pubertierlabor. Dort hat der Versuchsleiter in noch andauernden Feldstudien Leben und Wirken seiner 14jährigen Tochter ergründet. Der Versuchsleiter hat dabei Aufzeichnungen verfasst, die sowohl für die Wissenschaft als auch für kommende Elterngenerationen wertvolle Anhaltspunkte für den Umgang mit einem Pubertier bieten. Es handelt sich bei jenem um ein interessantes, wenn auch brandgefährliches Versuchsobjekt. Das Pubertier ist in der Lage, heftig zu schimpfen und sogar zu beißen. Die folgenden Laborberichte hat der Versuchsleiter mit letzter Tinte verfasst und sich dann für einen Monat abgemeldet. Gut möglich, dass er sich irgendwo aufhält, wo es keine Jugendlichen gibt, also in Bad Reichenhall, beim Mitteldeutschen Rundfunk oder auf dem Mars.
In der heutigen ersten Ausgabe geht es um den Umgang des Pubertiers mit Geld. Es kann davon nicht genug haben und es hat davon auch nie genug. Die monatliche Zahlung von Taschengeld hat sich daher als konfliktträchtig herausgestellt, denn das Pubertier ist spätestens am fünften Tag eines Monats mit einer gewissen Hartnäckigkeit der Ansicht, es habe noch gar kein Geld erhalten. Nach elfminütiger Diskussion und der Einsicht, hier nichts reißen zu können verlegt sich das Pubertier auf den Standpunkt, der Monat sei quasi vorbei und es käme bereits das Taschengeld für den nächsten Monat zur Auszahlung. Nachdem auch diese Volte nicht verfängt, beginnt es zu jammern und zu klagen.
Der Versuchsleiter setzt Argument B76a ein, welches lautet: „Du musst eben vernünftiger mit Deinem Geld umgehen und es Dir besser einteilen.“ Darauf reagiert das Pubertier in der Regel mit Replik 3 und Replik 5, welche lauten, dass Laura von ihren Eltern grundsätzlich mehr Geld bekäme und dass man sich daran ein Beispiel nehmen könne. Oder sie stellt darauf ab, dass der Versuchsleiter keine Ahnung hätte von den Kosten, die einem Pubertier heutzutage entstünden (Replik 6b).
Es ist dem Versuchsleiter gelungen, aus den Äußerungen des Pubertiers den wöchentlichen Ausgabenplan des Versuchsobjektes beispielhaft zu rekonstruieren. Demnach nehmen die zehn Euro, die dem Pubertier zur besseren Einteilung inzwischen wöchentlich auf den Schreibtisch in der Versuchsanordnung gelegt werden, folgenden Weg: Zwei Euro werden zinslos und ohne Aussicht auf Rückzahlung an das angeblich so verwöhnte Pubertier Laura verliehen. 5,70 Euro werden für kalte und heiße Getränke in der Schule und bei der Taschengeldablieferungsstelle auf dem Schulweg ausgegeben. Weitere zwei Euro werden für Kurzstreckentickets benötigt, weil die Monatskarte, die der Versuchsleiter bezahlt hat, leider verschwunden ist und erst Jahre später in einem Skistiefel aufgefunden wird, der beim Flohmarkt zum Verkauf steht. Die verbleibenden 30 Cent werden am Dienstag vorgezeigt, um zu belegen, dass das Pubertier praktisch abgebrannt ist. Es besteht auf einer Aufstockung seines Salärs nach Art eines atmenden Deckels und verlangt die sofortige Herausgabe von Kleinbeträgen. Der Versuchsleiter hat nun zwei Möglichkeiten. Er gibt nach oder nicht. Wenn er nicht nachgibt, hat dies eine mittelfristige Verdüsterung des Pubertiers zur Folge, die auch nicht durch das Servieren eines Latte Macchiato in die Versuchsanordnung aufgehellt werden kann. Zahlt er hingegen einen geringen Münzbetrag, darf er sich über ein Küsschen freuen.
Zum Abschluss der aktuellen Versuchsreihe lehnte er die Zahlung zunächst ab. Er betrat die Versuchsanordnung zehn Minuten später und stellte einen Korb mit Bügelwäsche hinein, dazu ein Bügelbrett und ein entsprechendes Bügeleisen. Er stellte die Zahlung von zehn Euro in Aussicht, wenn der Inhalt des Korbes innerhalb von zwei Stunden geplättet sei. Eine kurze Visite etwa 40 Minuten später ergab, dass der Finanzbedarf des Pubertiers inzwischen deutlich erlahmt war, ebenso wie das Versuchsobjekt als Solches. Es war nach dem Bügeln eines T-Shirts eingeschlafen und brauchte kein Geld mehr.

In der kommenden Woche lesen Sie hier die Forschungsergebnisse zum Thema „Zeit“.