Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.08.2013

333_Zeitverbleib

Es kommt nur selten vor, dass die Gesetze der Naturwissenschaft ergänzt werden müssen. Die gängigen Formeln funktionieren und zumindest jenen, die stumpf gebüffelt haben ist die Welt zur Belohnung ein offenes Buch. Es existieren Formelsätze für die Berechnung von Flächen und Formen, für Kraft, Geschwindigkeit, Masse oder Zeit. Und doch muss hier und da Neues in den Kanon aufgenommen werden. Jetzt zum Beispiel. Dem Versuchsleiter des Pubertierlabors ist es nämlich gelungen, für die Zeitdauer eine neue Formel zu entwickeln. In monatelanger Tüftelarbeit hat der Versuchsleiter den Zeitbegriff einer 14jährigen weiblichen Person definiert. Man könnte auch sagen, dass er diesen Zeitbegriff aus der Irrationalität der pubertären Weltsicht gerissen hat, um ihn in ein mathematisches Jackett zu zwingen.
Wer sich zukünftig mit der Zeitdauer im intellektuellen Stoffwechsel eines weiblichen Pubertiers beschäftigt kommt um folgende Definition nicht herum: Zeit ist gleich Föhn mal Haar. Diese fundamentale Formel basiert zunächst einmal auf der Entdeckung, dass ein Zeitbegriff bei einem Pubertier gar nicht existiert. Die Verteilung des Zeitkontingentes eines Tages erfolgt beim Pubertier daher recht willkürlich. Es kann sein, dass die Beschmierung einer Scheibe Mischbrot mit Butter und Marmelade bis zu sieben Minuten dauert, weil das Pubertier großen Wert auf akkurate Arbeitsweise legt und dem Brot damit seinen Respekt erweisen will. Die Anfertigung von Hausaufgaben oder die Beantwortung von elterlichen Anfragen sind hingegen häufig in Sekundenbruchteilen erledigt.
Der Versuchsleiter hat sich zum Beleg dieser These eine Stoppuhr bereit gelegt und wartet darauf, dass das Pubertier die Treppe herunter kommt. Es hat am Vorabend gegen 19:30 Uhr die Versuchsanordnung verlassen und war auf einer Party, von der sie um 2:37 Uhr nach Hause kam. Das Pubertier erscheint um 14:07 in Schlafkleidung am Esstisch. Der Versuchsleiter nimmt die Stoppuhr zur Hand und fragt, wie die Party gewesen sei. Das Pubertier benötigt für die Antwort handgestoppte 3 Hundertstel Sekunden: „Schön“. Mehr Informationen sind ihr nicht zu entlocken. Eine Party, die immerhin sechs Stunden gedauert hat und während der allerhand passiert sein wird auf einen Bericht von weniger als einer halben Sekunde Länge zu verknappen ist schon eine Meisterleistung der Reduktion. Ähnlich verhält es sich mit allen anderen Äußerungen zu Themen, von denen das Pubertier findet, dass sie die Eltern nichts angehen. Der Versuchsleiter fragt, ob es Alkohol gab. „Hm.“ Und ob sich jemand übergeben habe. „Joah.“ Sonst alles lustig gewesen? Hierauf entbietet das Pubertier ein langes Gähnen, flehmt den Versuchsleiter an wie ein Dressurpferd im Regen und geht zurück in die Versuchsanordnung, bisschen pennen.
Dafür nimmt sie sich erstaunlich viel Zeit. Ein Pubertier kann mühelos 14 Stunden schlafen und wenn es zwischendurch aufsteht, um die Toilette aufzusuchen bedeutet das keineswegs, dass es aufgewacht wäre. Der Versuchsleiter betritt gegen 18 Uhr die Versuchsanordnung, um das Pubertier zum Essen zu bitten, worauf hin das Versuchsobjekt duscht und sich ausgiebig die Haare föhnt. Diese sind dann sehr warm, das Essen hingegen ist kalt. Das Pubertier äußert, man habe nicht auf es gewartet und sei nun selber schuld.
Die Aufforderung, noch ein paar Vokabeln zu lernen wird letztgültig abgewiesen. Das Pubertier erklärt, dafür habe es absolut keine Zeit. Es habe wahnsinnig viel zu tun. Ein Blick auf seine Facebook-Seite bestätigt diese Auskunft auf dramatische Weise. Da sind tatsächlich noch 21 Nachrichten zu beantworten. Dafür braucht ein Pubertier mindestens eineinhalb Stunden. An das reinbimsen von Vokabeln ist bei dem mageren Zeitbudget des Pubertiers nicht zu denken. Der Versuchsleiter schließt verständnisvoll die Tür der Versuchsanordnung, macht sich ein Bier auf und Notizen.

In der kommenden Woche lesen Sie hier die Forschungsergebnisse zum Thema „Ordnung“.