Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.09.2013

336_Die Flaschenodyssee

Nie würde ich Absinth trinken. Oder einen Schwarzwälder Kräuterlikör. Oder Trester. Oder Roggenschnaps. Ich mag das Zeug nicht. Aber ich besitze es, oder besser: Ich besaß es. In einem unserer Küchenschränke hatten sich über die Jahre ungefähr vierzig Flaschen Sprit aller Art angesammelt. Wenn ich die Tür öffnete, glotzten mich die Pullen an wie VERDI-Mitglieder auf einer Kegeltour. Ich habe mich nicht um diesen Alkohol gerissen, ich bekam ihn geschenkt. Meistens nach Lesungen.
Da entert häufig der Veranstalter die Bühne und drückt einem eine Flasche Himbeerlikör in die Hand, weil der Ort bekannt ist für seine Himbeeren. Er ist auch bekannt für ein scheußliches Gewaltverbrechen, aber das taugt nicht für Geschenkartikel. Also Himbeerlikör. Oder andernorts mit Blattgold versetzter Korn. Oder Obstbrände. Oder Eierlikör. Hauptsache Alkohol. Ich habe diese Gaben immer brav zuhause in den Schrank gestellt und dort vergessen. Aber damit war nun Schluss. Sara brauchte den Platz. Ich räumte die Flaschen aus, schraubte sämtliche Deckel ab und goss die ganze Brühe in den Ausguss. So muss man sich fühlen, wenn man bei BASF Läusegift erfindet. Die leeren Flaschen stellte ich in die Ecke zum Altglas. Wenige Wochen später beschloss ich an einem Samstag, den ganzen Krempel zum Wertstoffhof zu fahren. Sara wies mich darauf hin, dass es nicht sehr geschickt sei, an einem Samstag derart viele Alkflaschen unter den Augen der interessierten Nachbarschaft weg zu schmeißen. Sie fand das ziemlich Juhnke-mäßig.
Trotzdem entschied ich mich fürs Entsorgen, auch weil sich drei Millionen Fruchtfliegen an den Flaschen tummelten. Ich packte das Glas ins Auto und fuhr damit zum Wertstoffhof, wo am Samstag das ganze Dorf seinen Müll trennt. Die Nachbarn stehen dann zusammen wie Pinguine und tauschen Neuigkeiten aus. Sie reden und reden, stundenlang. Zum Beispiel darüber, dass es offenbar bei mir nicht mehr so läuft. Wer Sorgen hat, hat auch Likör und den ganzen Kofferraum voll mit leeren Schnapsflaschen. Weiß man ja. Ich drehte vorsichtig eine Runde über den Hof und stellte fest, dass ich meine Flaschen niemals unbemerkt an Nicks Lehrerin, dem Tierarzt und unserem Nachbar Dattelmann vorbei in den Container bekommen würde. Dann fuhr ich mit der klappernden Fracht ein bisschen durch die Gegend. Ich erwog, den ganzen Klimbin am Waldrand zu verklappen, doch da sind immer fröhlich grüßende Jogger unterwegs, die Abends beim Pfarrfest davon berichten werden, wie sie mich trotz meiner Sonnenbrille erkannten, als ich drei Umzugskartons mit Leergut in die Brombeeren verfrachtet habe.
Was würde mein Schwiegervater jetzt machen? Antonio Marcipane hätte sicher eine Idee. Aber mir fiel nichts ein. Ich fuhr zum Supermarkt, um einen Liter Orangensaft zu kaufen, damit mein samstägliches Wirken nicht völlig folgenlos blieb. In der Getränkeabteilung stand ich dann vor dem Leergutautomat. Darauf stand, dass er auch fremde Flaschen annähme. Da fiel mir ein, was Antonio machen würde: Pullen loswerden und Pfand einstreichen. Ich ging zum Auto, hob einen Karton heraus und brachte ihn vor den Automat.
Niemand in der Nähe. Ich griff mir eine langhalsige Flasche, die früher friesischen Anislikör enthalten hatte und schob sie in das Gerät, in dessen Innerem es daraufhin erst knirschte, dann mahlte und schließlich rumpelte. Dann blinkte eine rote Warnleuchte auf der Oberseite des Automaten und gleichzeitig ertönte ein Alarm. Kunden und Personal wurden aufmerksam, ich erkannte Nachbarn und schließlich den Filalleiter, der herangeeilt kam. „Es ist doch immer dasselbe: Scheiß Schnapsflaschen,“ rief er und hinter mir hörte ich eine Dame sagen: „Komisch, dabei sieht er gar aus nicht wie ein Säufer.“ Das war die Oma von Nicks Freund Finn. Der Supermarktchef öffnete den Kasten, gab mir den Friesenfusel zurück und sagte ziemlich laut: „Ihre Schnapsflaschen gehören auf den Wertstoffhof.“
Unter den mitleidigen Blicken meiner Nachbarn trug ich den Karton zum Auto. Sara entsorgte die Flaschen schließlich auf italienische Art, indem sie sie einfach nachts vor dem Wertstoffhof abstellte. Und ich bekam einen Anruf vom Dorfpfarrer. Ob ich mal reden wolle.