Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.09.2013

337_Glücksforschung

Was ist eigentlich Glück? Also zunächst einmal ist das eine sehr große Frage, die ich wirklich kaum beantworten kann, denn Glück gehört fachlicherseits nicht zu meinen Kernkompetenzen. Nicht, dass ich direkt unglücklich wäre oder nicht glücksorientiert. Ich mache mir nur niemals Gedanken über das Glück als Solches. Im Alltag genügt mir eine zugegebenermaßen recht stumpfe Zufriedenheit, die ich von Glück nicht zu unterscheiden vermag. Vielleicht liegt das einfach daran, dass ich womöglich zu glücklich bin, um mich mit diesem Themenkreis weiter zu beschäftigen. Man befasst sich ja auch nicht mit seinem linken kleinen Zeh. Man denkt nie an den Burschen, jedenfalls bis eine Wespe hineinsticht. Dann schwillt der Zeh an und bringt dadurch seine Existenz in Erinnerung.
Vielleicht ist Glück so etwas Ähnliches wie ein kleiner Zeh: man spürt eher das anwachsen von Unglück als das Vorhandensein von Glück. Mein persönliches Lebensglück besteht jedenfalls nicht darin, mich daran zu erfreuen, sondern seinen Verlust zu befürchten. Indizien dafür, dass mein Glück schwindet, finden sich ständig. Zum Beispiel habe ich dauernd Pech mit Nektarinen. Und das wirft eine zweite Frage von großer Dringlichkeit auf: Gibt es einen Gott?
Das Rätsel um die Existenz eines allmächtigen Schöpfers steht weiter ungelöst im Raum. Wenn es einen gibt, was macht er oder sie dann eigentlich beruflich den ganzen Tag, außer Gender-Diskussionen anzuzetteln? Warum sorgt er stattdessen nicht für anständiges Kernobst? Ich meine, wofür leitet man denn einen Schöpfungsbetrieb mit Millionen von Jahren Erfahrung in Herstellung und ständiger Verbesserung von Tieren und Pflanzen aller Arten, wenn dann derart unzulängliche Produkte wie die Nektarine ihren Weg in die Auslage des von mir persönlich geschätzten Gemüsemanns im Dorf finden.
Wenn ich Kreationist wäre, würde ich wütend mit dem Fuß aufstampfen, und rufen: „Ach Menno, wenn es nicht in spätestens vier Tagen anständige Nektarinen gibt, werde ich Darwinist. So.“ Ich nehme aber an, dass es Gott, falls es ihn oder sie gibt und er oder sie das hört, von solchen Drohungen nur sehr mäßig beeindruckt ist. Sonst gäbe es ja längst vernünftige Nektarinen. Ich kenne drei Sorten und alle drei bringen Verdruss, Kummer und Leid: Bei der ersten Art ist der Kern kaputt. Wenn ich sie aufschneide, öffnet sich gleichzeitig der Stein und sieht aus wie der Schlund eines 94 Jahre alten Kettenrauchers. Außerdem sind diese Kerne oft verschimmelt. Igitt, nö, mag ich nicht. Weg damit. Also greift man zur zweiten Sorte. Man schneidet einmal rundherum bis zum Kern und dreht dann die beiden Hälften der Nektarine in entgegengesetzte Richtungen. Dabei rutschen zwar die Schale und der weiche Teil des Fruchtfleisches ab und bleiben als Marmelade zwischen den Fingern hängen, das meiste jedoch hält sich am Kern fest wie Klaus Wowereit am Amt. Man bekommt es nicht ab, außer durch mehrstündiges lutschen. Aber wer bitteschön lutscht freiwillig eine ganze Nektarine am Stück? Die dritte ungenießbare Variante der Nektarine kostet fast nichts und ist daher bei unserem Gmiasmo nicht erhältlich, dafür aber bei Lidl. Diese Frucht entzieht sich dem Genuss durch ihre steinerne Konsistenz. Beim Abbeißen splittern Zähne und Fruchtspäne durch den Mund. Bemerkenswert an dieser Art Nektarine ist neben ihrer ballistischen Durchschlagskraft eigentlich nur die Tatsache, dass sie nach einer Woche ohne erkennbare Rei fung innerhalb eines Vormittags verwest und pro Stück fünf Millionen Fruchtfliegen gebiert.
Es besteht jedenfalls dringender Handlungsbedarf. Der Schöpfer könnte beim Nektarinenrelaunch auf die guten Erfahrungen bei der Aprikose zurückgreifen. Diese verfügt über einen sehr angenehmen Kern, der sich normalerweise recht lose ans Fruchtfleisch kuschelt und leicht zu entnehmen ist. Den könnte Gott doch bitte freundlicherweise mal in die Nektarine hineinmendeln und so den Menschen eine Freude machen. Auf dass sie begeistert die Nektarine ins Müsli schnippeln, dazu Hosianna singen und sich schütteln wie nasse Hunde vor lauter Glück.