Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.09.2013

338_Ordnungsunsinn

Nachdem meine Frau mich als krankhaften Behalter bezeichnet hatte, ging ich beleidigt in mein Büro und schloss mich ein. Behalter. Ich. Es gibt heutzutage keine gröbere Beleidigung. Etwas behalten zu wollen gilt inzwischen als unmodern. Ständig soll man alles teilen und nur was man wirklich nicht mehr braucht, das entsorgt man fachgerecht. Die bayerische FDP zum Beispiel. Wer partout etwas behalten möchte, weil er es einfach mag, der muss sich beschimpfen lassen. So wie ich.
Der ganze Streit entzündete sich an einem Stapel Druckerzeugnisse, von dem Sara fand, dass es sich dabei um Altpapier handelte, obwohl er wertvolle Anregungen für meinen Beruf enthielt. Sie fragte mich, wo denn bitteschön im Katalog eines Händlers von Bürobedarf die Inspiration lauere. Ich schlug daraufhin willkürlich Seite 169 auf und zeigte auf die Abbildung farbiger Plastik-Ordner. Daneben stand: „Mit Raumsparschlitzen und Präzisions-Hebelmechanik.“ Für mich ist das konkrete Poesie. Ich blätterte weiter und las vor: „Gabelhub-Wagen für palettierte Güter.“ Pure Kunst. Palettierte Güter. Mannomann. Und weiter hinten im Katalog gab es Banknoten-Zählmaschinen. Neben der Abbildung stand: „Lieferung ohne Inhalt.“ Wie kann man so einen Katalog nur wegwerfen?
Aber meine Gattin tat so, als sei ich ein so genannter analer Charakter. Das sind Leute, die als Kleinkinder ihren Stuhl nicht rausrücken wollten und über diese Befriedigung Geiz, Pedanterie und einen manischen Ordnungssinn ausbilden. Und davon kann bei mir überhaupt nicht die Rede sein. Ich habe meinen Stuhl immer gerne geformt und hergezeigt. Aber ich schmeiße ungern Dinge weg, auf denen was steht. Ich mag Gedrucktes und weil ich nicht genug Platz habe, um ganze Zeitungen aufzubewahren, reiße ich aus, was mir am besten gefällt. Zum Beispiel die Meldung über die neuen Sirenen für die deutsche Polizei. Da kündigt sich nämlich ein akustischer Paradigmenwechsel in der Strafverfolgung an. Das leicht dimpflmoserartige „tatütata“ wird in 6 Bundesländern um das amerikanische „Uiiiiii“ ergänzt. Auf diese Weise wird bereits eine kleine Ordnungswidrigkeit hollywoodmäßig hochgejazzt. Wenn man Glück hat. Im Zuge der Umrüstung erhalten deutsche Polizisten zudem Lollis, Zahnstocher und Sonnenbrillen. Auf diese Weise kommt endlich ein bisschen Highway auf die pfälzische Autobahn. Das finde ich gut. Die US-Sirene mit der Modellbezeichnung „Yelp“ kann außerdem rot flackern und kostet je nach Ausführung bis zu 3500 Euro. Ich brachte es nicht übers Herz, diese Topnews wegzuschmeißen und machte mich stattdessen daran, meinen Mail-Ordner aufzuräumen.
Er enthielt 18675 Zuschriften, von denen ich 4522 noch nicht gelesen habe. Spam-Ordner lehne ich ab, denn es könnte ja doch etwas Wichtiges hinein gelangen, zum Beispiel kriminelle Phishing-Mails wie diese Aufforderung der „Sparkassechemnitzbank“, in der es dringlich heißt: „Sehr geehrte Kunde, als vorbeugende Maßnahme alle unsere Kunden sind erforderlich, um Bankkonto zu aktualisieren.“ Dieser Versuch an meine Daten zu kommen ist so herzzerreißend rührend, diese Sprache auf so zauberhafte Weise doof, dass man seine Zugangsdaten schon aus Mitleid hergeben sollte. Fällt wirklich jemand darauf herein? Gut, wahrscheinlich schon, sonst würden die Verbrecher ja einem anderen Beruf nachgehen und Mails schreiben wie der ehrbare Dr. Zhu Li, welcher mir ungefragt mitteilt, dass er Hilfe bei einer finanziellen Transaktion braucht „im Wert von 15,5 Mio. USD wollen 30% der gesamten Mittel als Ausgleich für Ihre Unterstützung zu geben.“ Das klingt schon sehr verlockend. Trotzdem habe ich am Ende 3566 Mails gelöscht und circa 200 Kilo Papier weggeworfen, um guten Willen zu zeigen. Außerdem habe ich ja noch genug zu lesen.
Den Katalog für Bürobedarf behalte ich allerdings noch ein bisschen. Ich habe nämlich darin das perfekte Weihnachtsgeschenk für Sara gefunden: Einen Aktenvernichter. Mit Lichtschranke, Rücklauffunktion, Partikelschnitt und Frontentleerung. Vielleicht schenke ich ihr dazu ein bisschen von meinem Papier. So vier oder fünf Stapel Zeitungen. Sonst macht das ja überhaupt keinen Spaß.