Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.09.2013

339_Free Friedemann!

Friedemann-Amadeo ist seit einiger Zeit ständig bei uns. Er ist Nicks Cousin; seine Mutter Lorella ist Saras große Schwester. Sie ist mit Jürgen verheiratet. Der sammelt Klangschalen und zwingt seine Mitarbeiter dazu, mit ihm barfuß durch den Schnee zu laufen. Für mich haben die beiden einen Esoterik-Knall, aber mir hört ja keiner zu, was unter Anderem daran liegt, dass ich in dieser Familie niemals zu Wort komme. Jedenfalls herrscht bei Jürgen und Lorella ein strenges Familien-Management. Friedemann-Amadeo darf kein Weißbrot essen und keine Chips. Softdrinks sind wegen des Phosphors böse, Internet ist wegen der Strahlung böse, Fernsehen ist sowieso böse. Schöne Autos werden nur für Männer gebaut, die an Hypogenitalismus leiden. Und Essen muss nicht heiß sein, man kann es sich warm kauen. Kein Wunder, dass es Friedemann-Amadeo so gut bei uns gefällt.
Lorella hat das wohl immer gefürchtet und den Kontakt zwischen ihrem vom Konsum unversauten Sohn und unserem Nick auf Familienfeste beschränkt. Wir fanden diese Form des Mobbings einerseits immer gemein. Andererseits brauchte ich mich auf diese Weise wenigstens nicht ständig für meinen Lebensstil zu rechtfertigen. Doch dann mussten Jürgen und Lorella für zwei Tage zum Kundalini-Kongress nach Bad Boll und fanden keine Bleibe für Friedemann-Amadeo, weil praktisch alle ihre Freunde mit ihnen fuhren. In dieser absoluten Notsituation beschlossen sie, ihn bei uns abzuliefern. Jürgen sagte: „Fernsehen ist tabu, Internet ist tabu, Zucker und Kohlenhydrate sind tabu, Nüsse und Tee sind okay.“ Ich nickte, schloss die Tür hinter ihm, klatschte in die Hände und rief: „Leute, die Luft ist rein.“
Ich weiß, es ist nicht richtig und man darf die Erziehungsgrundsätze anderer Eltern nicht unterlaufen, aber wir hatten dann wirklich großen Spaß. Außerdem betrachtete ich das als Rache für die vielen verlorenen Abende meines Lebens, in denen ich bei asbestösem Haferkuchen über meine Chakren und den vom Mond bestimmten Zyklus meiner Frau diskutieren musste. Nick setzte sofort die so genannte Playsi in Gang, um Friedemann-Amadeo in die geheimnisvollen Welten von „Super Mario Kart“, „FIFA 12“ und „Motor Storm“ einzuführen. Dazu wurden Chips gereicht, sowie Spezi und saures Gummizeug. Friedemann-Amadeo bewegte den Controller als sei er auf einem LSD-Trip. Anschließend verhauten sich die Jungs mit Nicks Mashoonga-Keulen, wobei Friedemann-Amadeo ziemlich unpazifistisch vorging, was ich auf seine Überzuckerung zurückführte. Dann futterten wir Pizza und die Jungs vertrieben sich die Zeit ein bisschen bei Youtube, wo sie bescheuerte Clips von „Y-Titti“ ansahen und kicherten. Danach gab es „Hangover 2“. Gegen 22 Uhr riss sich Friedemann-Amadeo das Hanfhemd vom Leib und brüllte: „Ich liebe das Leben!“
Am nächsten Morgen verspeiste Friedemann-Amadeo neun Scheiben Toast mit Nutella. Ich ließ ihn gewähren, denn wer weiß schon, wann er wieder so etwas Gutes bekommt in der Dinkelhölle seiner Eltern. Er lieh sich ein Skateboard-T-Shirt von seinem Cousin und sah plötzlich fast aus wie ein Mensch. Später gingen wir in einen 3-D-Film und er aß zum ersten Mal in seinem Leben Popcorn. Gut, das war ein bisschen kulturimperialistisch. Ich fühlte mich als hätte ich einen Ureinwohner mit Glasperlen geschmückt.
Und ich musste sie ihm auch wieder wegnehmen. Eine Viertelstunde bevor seine Eltern kamen, um ihn abzuholen, zog sich Friedemann-Amadeo um und wir übten eine gemeinsame Aussage ein. Demnach hatten die Jungen Scrabble gespielt, danach mit Holzspateln aus dem Ärztebedarf die Golden-Gate-Brücke nachgebaut. Zu essen gab es auch, nämlich Möhrenpuffer mit Feldsalat, an dem noch Erde hing. Es gab keine Softdrinks, nur Wasser mit einem Spritzer Himbeersirup. Und spirituell war das Wochenende auch eine Bereicherung, weil wir den ganzen Abend „Erdstrahlen ausweichen“ gespielt haben. Jürgen glaubte uns und hatte nichts dagegen, dass Friedemann-Amadeo auch das Wochenende danach bei uns verbrachte. So geht das jetzt seit einem Monat. Noch ist unsere Deckung nicht aufgeflogen. Und ich hoffe, das bleibt noch eine Weile so, denn ich habe keine Lust Jürgens Klangschale an den Kopf zu bekommen. Das Ding ist aus Bronze, das tut sicher weh.