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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.10.2013

340_Altersweitsicht

Seit letzter Woche weiß ich, dass ich ein alter Mann bin. Da war ich auf Lesereise und überraschte mich selber mit dem Wunsch, beim Vorlesen die Brille abzunehmen. Mit dieser neuen Angewohnheit habe ich meine Familie bereits im Urlaub erheitert. Speisekarten sind nämlich für mich ein unüberwindbares Hindernis beim Bestellen von Essen geworden. Ich muss die Brille absetzen, um entziffern zu können was es gibt. Und weil ich beide Hände für die Karte brauche, nehme ich einen Brillenbügel in den Mund. Ich sehe dann aus wie ein amphibisches Lebewesen, dass sich von Brillen ernährt, so wie Erich Böhme, der legendäre Brillenkaiman von SAT1. Carla machte zahlreiche Fotos von mir, die sie bei Facebook mit dem Satz „Opi bestellt Nudeln“ versah. In den Ferien wollte ich es trotzdem noch nicht wahrhaben, aber seit vergangener Woche ist die Sache klar. Wenn man jahrelang vom Blatt liest und eines Tages dabei lieber die Brille abnähme, dann ist man alt.
Gut. Auf der einen Bühne war es aber auch ziemlich dunkel. Das war dort, wo man seitens des Theaters nicht so recht auf Besuch eingestellt war. Ich betrat nachmittags den Saal und ein Bühnentechniker richtete gerade ein Mikrofon ein. Ich sagte: „Entschuldigung, sie wissen aber schon, dass ich noch einen Tisch und einen Stuhl brauche.“ Der Techniker fragte: „Warum denn?“ und ich antwortete: „Weil ich lieber im Sitzen lese.“ Und darauf er: „Du liest?“ Später gelang es ihm nicht, die Scheinwerfer einzurichten, sodass die meiste Beleuchtung an mir vorbei in den Bühnenhintergrund strahlte, als werde dort der eigentliche Star des Abends erwartet. Es war also etwas duster. Aber das soll keine Ausrede sein. Überall sonst war es hell und ich konnte meinen Kram trotzdem kaum entziffern.
Am Wochenende fuhr ich nach Hause und traf abends eine befreundete Augenärztin. Ich schilderte mein Problem, worauf sie das Besteck sinken ließ und rief: „Willkommen in der Welt der Presbyopie. Klarer Fall von Altersweitsichtigkeit.“ Damit war das Wochenende für mich gelaufen. Ich bin jetzt Presbyopiker. Dabei fühle ich mich jung. Ich bin schließlich mit Popkultur sozialisiert, ich kann also überhaupt nicht altern. Mein Körper aber eben leider schon. Der Verfall ist im vollen Gange. Für eine Bundesligakarriere komme ich zum Beispiel nicht mehr in Frage, noch nicht einmal als Trainer. In meiner Kindheit waren das alles uralte Knacker. Und heute muss ich feststellen, dass die meisten jünger sind als ich. Mirko Slomka und Jürgen Klopp sind mein Jahrgang und gehören dort bereits zu den älteren Herren. Im Tennisclub wären wir alle Senioren.
Das Problem am Altern in der heutigen Zeit besteht tatsächlich darin, dass es so sagenhaft lange dauert. Wahrscheinlich werde ich über 100 Jahre alt, das ist der Trend und bedeutet, dass ich über die Hälfte meines Lebens mit Altersweitsichtigkeit zu tun habe. Das ist doch das Letzte. Und die Natur hat das auch nicht gewollt. Grundsätzlich haben wir nämlich nach der Erfüllung unseres Reproduktionsauftrages nichts mehr auf der Erde verloren. Andere Tiere sehen das auch brav ein und verabschieden sich umgehend nach vollbrachter Vermehrung.
Aber der Homo Sapiens wird immer älter und kann manchmal noch mit über achtzig Jahren Orchester dirigieren, Schlichtungen moderieren oder eine Hecke schneiden, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, was die Sehkraft angeht. Die Spielehersteller werden sich auf die immer höhere Lebenserwartung ihrer Kunden einstellen müssen und ihre Packungen neu bedrucken. Bisher sind die meisten Gesellschaftsspiele „von 6-99“, was für einen immer größer werdenden Teil der Bevölkerung eine Diskriminierung darstellt. Da muss schon bald „6-120“ stehen, denn das wird in der Zukunft kein biblisches Alter mehr sein. Mit 46 Jahren ist man aus dieser Warte betrachtet ein ganz junger Spund. Das findet meine Frau auch und sie gab mir das sogar schriftlich.
Ich nahm die Brille ab, um es besser lesen zu können. Schallendes Gelächter am Esstisch. Größter Frohsinn. Ich machte daraufhin einen Termin mit der Augenärztin, damit sie mir eine neue Brille verschreibt. So ein Gleitsichtding. Dann fällt meine Presbyopie nicht so auf. Ich gewinne noch einmal ein paar Jahre. Und ich kaufe mir einen Ohrenhaarschneider.