Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.10.2013

341_Pubertiernachwuchs

Manchmal sehe ich ein winziges Licht am Ende des Pubertätstunnels, in dem unsere Tochter wohnt. Carla hat sich zum Beispiel eigenen Beinchenschaum gekauft und lässt mein Rasierzeug in Ruhe. Sie hält sich manchmal an Verabredungen und die Diskussionen mit ihr werden leiser. Immer seltener gerät sie in pubertäre Wallungen, die mir vorkommen als spielte sie in einer Nachmittagssendung von RTL2 mit. Neulich polterte sie in mein Büro und wollte wissen, welcher Vollhorst ihr Lieblings-T-Shirt gewaschen habe. Ich antwortete zaghaft, das sei ich gewesen, weil ich dachte, dass sie womöglich gern etwas Sauberes anziehen wolle. Darauf ratterte sie, dass sie es JETZT brauche und nicht dann, wenn ich es getrocknet hätte. Ja, das macht sprachlos, aber es kommt immer seltener vor, was mich hoffnungsvoll stimmt, solange ich vergesse, dass wir auch noch einen Sohn haben.
„Männer werden sieben, danach wachsen sie nur noch“ heißt es in einer Postkartenweisheit, der viele Frauen zustimmen würden. Und ja, zugegeben, es ist etwas Wahres daran. Im Grunde unterscheiden sich erwachsene Männer wenig von kleinen Jungs. Jürgen Klopp zum Beispiel benimmt sich am Spielfeldrand oft so, als würde er gleich seine Rassel auf den Rasen pfeffern. Und wer schon mal in das grenzenlos empörte Talkshow-Gesicht von Gregor Gysi geschaut hat, weiß was ein Dreijähriger fühlt, den sie in der Krabbelgruppe nicht mitspielen lassen. Trotzdem stimmt der Befund nicht ganz, denn im Rahmen der Pubertät finden doch einige Prozesse statt, die man mit sieben Jahren noch nicht kennt und später gerne verleugnet: Haarwachstum an den falschen Stellen zum Beispiel, peinliches Eifersuchtsgezeter auf Pausenhöfen und schummriger Engtanz mit möglichst weit ausgestelltem Hinterteil, um nur mal drei der schlimmsten Prüfungen der Adoleszenz zu nennen.
Bei Carla scheinen die weitgehend absolviert zu sein, sie plant bereits ihren Auszug und ein studentisches Leben, welches ich freundlicherweise mit mehreren tausend Euro monatlich unterstützen möge. Und in dem Maße wie Carla uns wegläuft, habe ich den vagen Eindruck, dass nun Nick beim Marathonlauf des Lebens in den Abschnitt einbiegt, wo die Pubertät darauf lauert, ihn aus der Bahn zu werfen. Beispielsweise ändert sich sein Verhältnis zum anderen Geschlecht. Mädchen waren für ihn bis vor kurzem noch doof, uncool, und vor allem mädchenhaft. Doch nun wurde uns zugetragen, er trete in der Schule charmant und überaus ritterlich auf, wenn es um Alina ginge. Er säße mittags neben ihr, ohne etwas zu essen, nur um ihr Gesellschaft zu leisten, hieß es. Und dass er sie vor Nachstellungen anderer Jungs, hart geschossenen Bällen und Regentropfen beschütze. Und dies, obwohl Alina keinen Schutz braucht, weil sie ein ziemlicher Besen ist, genau wie ihre Mutter. Aber das muss er selber rausfinden, da mische ich mich nicht ein.
Auch zuhause bemerken wir eine gewisse Veränderung bei Nick. Er benutzt jetzt ein Deo. Er ist elf, er riecht noch nicht, jedenfalls nicht nach Schweiß. Aber er nebelt sich morgens mit einem Deospray ein, dass einem Hören und Sehen vergeht. Das Zeug riecht wie Siegfried und Roy in einer sächsischen Großraumdisco. Er hat auch ein Duschgel von derselben Marke. Auf der Flasche ist eine mathematische Formel mit drei Piktogrammen abgebildet: Mann + Duschgel = Frau hoch 2. Das bedeutet entweder, dass man sich mit der Benutzung dieses Produktes die Geschlechtsumwandlung sparen kann oder dass man damit für Frauen um die zweifache Potenz attraktiver wird. Nick setzt aber nicht nur auf olfaktorische Effekte.
Er verlässt das Haus morgens in einer Körperhaltung, die ich so zuletzt bei Robert Mitchum in „El Dorado“ gesehen habe. Ich denke, da kommt noch einiges auf uns zu und ich möchte nichts davon verpassen. Apropos verpassen. Carla hat soeben angerufen und mitgeteilt, dass sie die S-Bahn verpasst habe und deswegen leider zu spät komme, weil sie erst Jonas nach Hause begleiten müsse, weil der zu viel Wodka Bull hatte, weil Vanessa mit ihm Schluss gemacht habe und das müssten wir verstehen, auch wenn morgen Schule sei und unser Pünktlichkeitswahn sei übel peinlich. Ich kann nur hoffen, dass Carla komplett durch ist, bevor es bei Nick richtig losgeht. Sonst stehe ich das hier nicht durch.