Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.10.2013

343_Outlaws im Alter

Loriot antwortete mir einmal verärgert auf die Frage nach den Anstrengungen des Alters, das Alter als solches sei eine einzige Zumutung. Dem muss ich nach einigen Beobachtungen etwas hinzufügen. Nicht nur das Alter ist eine Zumutung, die Alten sind auch eine Zumutung. Bevor nun sofort empört das Büttenpapier hervorgeholt und der Federkiel mit letzter Tinte benetzt wird, füge ich hinzu: Es bleibt den Alten ja auch keine andere Wahl.
Denn es ist ja doch so: Die Alten werden immer jünger und bleiben immer länger alt und vor allen Dingen werden sie immer zahlreicher. Es ist also kein Wunder, dass allerhand schäbiges Verhalten, das man den Älteren unter uns bisher wegen zugestandener Weisheit und Gebrechlichkeit nicht zugetraut hätte, nun sozusagen in der Mitte der Gesellschaft ankommt.
Letzte Woche war ich zum Beispiel Zeuge einer heftigen Prügelattacke, bei der eine Omi mit Silberzwiebelfrisur und ein etwa 15jähriger Junge die Hauptrollen spielten. Der Junge war das Opfer. Er saß friedlich in der S-Bahn und unterhielt den Wagen mit schrecklicher Musik aus seinem Kopfhörer. Da stieg die Oma zu und schaute sich nach einem Sitzplatz um. Sie sprach den Burschen an, aber der reagierte nicht, denn er sah aus dem Fenster und hörte sie nicht. Daraufhin schlug die Dame ihn erst mit ihrem Gehstock und dann mit ihrer Tasche. Ich dachte erst an einen Scherz. Der Stuntman Johnny Knoxville spielt in seinem neuen Kinofilm ja auch gerade einen Achtzigjährigen, der mit ungebührlichem Verhalten auffällt. Ich sah mich um, konnte aber keine Kameras entdecken. Die alte Dame meinte ihr Verhalten offensichtlich ernst und hörte auch nicht auf, den Jungen zu traktieren, als der seinen Kopfhörer abnahm und laut rief: „Schabdoch garnix gemacht.“
Das Merkwürdige an der Situation war, dass ihm niemand half. Ich auch nicht. Sämtliche Fahrgäste starrten auf das Schauspiel der ungerecht auf den Jüngling eindreschenden Seniorin und niemand nahm ihn in Schutz. Keiner stand auf und entriss ihr die mit schweren Schnallen bewehrte Tasche. Wohl, weil es sich nicht recht gehört, eine ältere Dame darauf hinzuweisen, dass man seine Mitmenschen nicht grundlos verprügelt. Am Ende stand der Junge auf und sie nahm auf seinem Sitz Platz, nicht ohne „Na also“ zu keifen. Ich fand sie ziemlich rüstig, sie hätte auch gut stehen können.
Derartige Vorkommnisse sind keine Einzelfälle, es gibt Drastisches zu berichten. Letztes Jahr hat ein Altenheimbewohner aus Mönchengladbach einen Nachbarn niedergestochen, nachdem sich die Herren um ein halbes hartgekochtes Ei gestritten hatten. Nach vollbrachter Tat fuhr er im Rollstuhl von hinnen. Und gerade erst wird ein Mordversuch in einem Münchner Seniorenheim bekannt. Dort hat eine alte Dame versucht, ihre Zimmergenossin mit einem Kissen zu ersticken. Statistiken sind noch nicht bei der Hand, aber es scheint tatsächlich so, als radikalisierte sich die demografisch immer stärker werdende Alterskohorte der über Siebzigjährigen. Womöglich sehen wir uns schon in einigen Jahren mit Rollator-Hooligans konfrontiert. Bald kann man als Jugendlicher nicht mehr an Seniorenresidenzen vorbei gehen ohne von halbstarken Greisen angepöbelt und um Zigaretten angehauen zu werden. Die Alten wollen nicht mehr wehrlos sein, sie wollen raus aus der Ecke des hilflosen Opfers und schlagen Krawall. Heiner Geißler tritt daher bereits demonstrativ mit Lederjacke im Fernsehen auf, anstatt eine altersgemäße Strickjacke anzulegen, wenn er in der Talk-Geriatrie von Pflegerin Sandra Maischberger eingeladen ist.
Und ich finde, da hat der Geißler ganz Recht. Alt ist nur, wer sich dazu machen lässt. Ich sage das, weil ich selber bereits eine gewisse Altersdiskriminierung erfahre, und zwar bei mir zuhause. Dort wagte ich kürzlich, vor den Augen der Kinder meine Frau zu küssen, was sofortige Abscheubekundungen meiner Tochter Carla zur Folge hatte. Sie war der Auffassung, dass wir uns nicht zu küssen hätten. „Warum denn?“ fragte ich verdutzt. „Warum wohl? Weil Ihr alt seid. Das ist ja ekelhaft.“ Das ließ ich nicht auf mir sitzen und knutschte Sara sofort ein weiteres Mal ab. So. Und wenn ich alt bin, kaufe ich mir eine Pistole und raube Banken aus. Nur so, aus Rache an dieser vom Jugendwahn besessenen Gesellschaft.