Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.11.2013

344_Tonis Pokerrunde

Wenn ich irgendwas nicht bin, dann Kartenspieler. Früher kloppten wir in der Schule Skat, aber ich musste immer zahlen, weil ich mir nie merken konnte, wie viele Trümpfe schon raus waren. Ich blieb zeitlebens ein Skatstümper, was nicht sehr schlimm ist, weil mir seit 28 Jahren nicht mehr abgefordert wurde, zu reizen oder Kontra zu geben. Jedenfalls nicht im Rahmen einer Skatpartie. Ähnlich unwissend lebe ich in Bezug auf das Pokerspiel. Ich weiß in etwa, was eine Straße ist und dass eine Runde sehr günstig verläuft, wenn man vier Asse auf der Hand hat.
Aber ansonsten glänze ich auch hier durch Nichtteilnahme. Ich habe wohl zur Kenntnis genommen, dass es Online-Poker im Internet gibt und dass Boris Becker dafür wirbt. Ich finde ihn als Protagonist für diese Reklame perfekt besetzt, wenn man davon ausgeht, dass es sich bei diesen Zockerbuden um Tummelplätze des sozialen Abstiegs handelt. Jedenfalls war ich Poker bisher abhold. Doch dann regnete es neulich, was im Herbst dann und wann vorkommt und mir die Laune verdirbt. Mein Schwiegervater Antonio war zu Gast und wir blickten betrübt aus dem Fenster. Nach einer Weile fragte er, ob ich Spielkarten hätte, was ich bejahte, denn tatsächlich besitze ich ein Pokerspiel. Ich habe es zum vierzigsten Geburtstag von jemandem bekommen, der mich offensichtlich nicht gut kannte. Habe vergessen, von wem.
„Wie siehte der aus mit eine Partie Poker, meine liebe Jung?“ fragte er listig. Ich zuckte die Schultern, denn ich hatte keinen Gegenvorschlag. Er mischte die Karten und erzählte dabei, dass er früher mit seinen Kollegen im Stahlwerk gepokert habe, wenn bei der Nachtschicht nichts los war. Das muss oft gewesen sein, denn bei anderer Gelegenheit hat er mir schon mal davon berichtet, dass sie damals in den Achtzigern öfter Fahrräder und sogar Mofas in den Hochofen warfen und zu Klump kochten, um dann die Versicherung zu behumpsen. Und wenn niemand ein Fahrrad zur Hand hatte, spielten sie also offenbar Karten.
Antonio teilte zwei Blätter aus, nahm seines auf die Hand und legte eine „Herz Sieben“ neben den Kartenstapel. Dann forderte er mich auf zwei Karten zu ziehen. Ich folgte brav und fragte ihn, was ich nun zu tun habe. „Du legste Herz. Oder siebene von andere Farb.“ Ich legte eine Herz Dame, er legte eine Pik Dame. Ich konnte nicht bedienen, worauf ich noch eine Karte ziehen musste. Ich konnte aber immer noch nicht.
Da kam mein Sohn an den Tisch. „Was macht Ihr da?“ fragte er.
„Wir machen eine ernste Spiel fur die erwachsene Leut’. Poker.“
Antonio legte einen Pik Buben und sagte: „So, nu’ komm raus mitti Karo.“
Ich legte eine Karo Neun auf den Tisch. Nick sagte: „Also ich will mich ja nicht einmischen, aber meiner Meinung nach spielt ihr nicht Poker, sondern Mau-Mau.“
„So eine Unsinn. Iste Poker.“
„Okay, Opa. Wenn das hier Poker ist, wo ist dann das Geld?“
„Was fureine Gelde?“
Da wurde mir klar, dass Nick Recht hatte. Der Gedanke, dass Antonio mit seinen Kollegen jahrelang das knallharte Mau Mau gespielt hatte, gefiel mir auf Anhieb.
„Ich zeig’ Euch mal wie Poker richtig geht“, sagte Nick. Er kramte das Monopoly-Spiel hervor und holte das Spielgeld heraus. Dann teilte er die Banknoten durch drei Spieler und erklärte uns Texas Holdem. So heißt die Poker-Variante, die sie im Bus und in der Schule spielen. Mein Sohn ist offensichtlich ziemlich gut darin. Innerhalb von zwanzig Minuten verlor ich 13400 Monopoly-Mark, Antonio ungefähr das Doppelte. Dann eröffnete mir mein Sohn, dass wir am Ende das Spielgeld im Kurs 1:1000 in Euro umrechnen würden. Ich stimmte zu, weil ich mir sicher war, das meine Pechsträhne bald enden würde. So fangen sie immer an, die Geschichten der ganz herben Spielerschicksale. Am Ende hat mich der Nachmittag über zehn Euro gekostet, Antonio war mit dreißig dabei. Mein Sohn erließ uns keinen Cent. Nächste Woche will er uns Roulette beibringen.