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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.11.2013

345_Migrationspläne

Carla will weg. Ganz weit weg. Und ziemlich lange. Unser Pubertier denkt ans Auswandern. Erste Pläne dafür hegte sie bereits im Alter von vier Jahren, nachdem ich aus Versehen in ihre Barbie-Familienaufstellung getrampelt war. Bei der Gelegenheit schnappte sich unser damals noch junger Hund eine Blondine in Bermudas und haute damit ab. Als ich ihn einfing, hatte er ihr bereits das linke Bein bis zum Oberschenkel abgekaut. Barbie sah aus wie nach einem Haiunfall. Ich gab sie unserer Tochter zurück und schlug Carla vor, der Puppe ein Abendkleid anzuziehen. Daraufhin packte das entsetzte Kind einen kleinen Koffer und kündigte an, uns zu verlassen. Carla ging aber nur bis zum Spielplatz, schaukelte eine Weile, aß eine Mandarine aus ihrem Proviant und kam wieder zurück. Das mit der Mandarine weiß ich so genau, weil ich sie heimlich verfolgt habe.
Wenn ich das bei ihren aktuellen Ausreiseplänen auch machen wollte, müsste ich ziemlich weit fahren, denn Carla zieht es für ein Jahr nach Amerika. Das hat sie uns bereits vor einigen Monaten mitgeteilt und sich selber darum gekümmert. Zwei auf Schüleraustausch-Programme spezialisierte Unternehmen saßen dann bei uns am Esstisch und brachten uns ihre Modelle von so einem Auslandsjahr näher. Am besten gefiel mir der Teil, wo die Dame von der einen Agentur sagte, man müsse amerikanischen Eltern grundsätzlich erst einmal gehorchen. Man könne hinterher diskutieren und auch Entscheidungen in Frage stellen. Aber nicht vorher. Ich sah zu unserem diskussionsfreudigen Pubertier hinüber und wie sie heftig nickte. Ich dachte: Na, das kann ja heiter werden. Für die Amerikaner.
Schließlich entschieden wir uns für eine Gesellschaft, die im nächsten August zunächst einmal für drei Tage mit den Jugendlichen nach New York fährt, ganz unabhängig davon wo es diese anschließend hin verschlägt. Was das endgültige Reiseziel innerhalb der Vereinigten Staaten angeht, hat Carla bereits konkrete Vorstellungen, die sie uns gestern beim Frühstück dezidiert mitteilte: Sie möchte nur nach San Francisco. Ihren Gastvater stellt sie sich als berühmten Architekten vor, der wahnsinnig coole Häuser baut und natürlich auch eines bewohnt. Eine richtige Familie hat der Mann zwar nicht, aber eine Freundin. Sie ist Asiatin, Mitte zwanzig, heißt Aneko und spielt Bass in einer total hippen Band.
Carla besucht natürlich tagsüber die Schule, in dem Punkt ist sie sehr entgegenkommend. Am frühen Abend wird zunächst Sushi gereicht, dann chattet sie über Skype mit zuhause, damit sie die deutsche Sprache nicht verlernt. Das ist ja eine große Gefahr, wenn man so lange weg ist. Später geht sie mit Aneko in irgendwelche Clubs und lernt tolle Leute kennen, also James Franco und so.
An diesem Punkt musste ich einfach gegensteuern, denn unter solchen Umständen würde sie nie im Leben nach einem Jahr zu uns zurückkommen. Also sagte ich, dass es überhaupt nicht sicher sei, dass sie in Kalifornien lande. Es könne auch auf Kentucky oder North Carolina hinauslaufen. „Und da, meine liebe Carla, gehen die Uhren anders. Womöglich kommst Du zu einer sehr netten aber streng religiösen protestantischen Farmer-Familie. Mit acht Kindern zwischen 3 und 12 Jahren. Jeden morgen läufst du mit den sechs älteren Geschwistern die vier Meilen zur Schulbushaltestelle und singst dabei christliche Lieder. Nach der Schule erwarten Dich der Nähkurs und ausführliches Backfischtum im nordamerikanischen Bibelgürtel. Sonntags geht es zur Abwechslung für fünf Stunden in die Kirche, ansonsten früh ins Bett, weil man zeitig aufsteht, wenn vor der Schule die Ziegen gemolken werden müssen. Internet gibt’s natürlich nicht, schließlich ist die Gemeinde seit vierhundert Jahren ein funktionierendes soziales Netzwerk. Wer raucht, muss zwei Wochen lang in der Scheune essen, weil die Familie so enttäuscht ist. An Alkohol ist gar nicht zu denken. Aber jedes Jahr im Juli gibt es im Dorf ein großes Fest und da fährt man dann hin. Dort schenken sie sogar Himbeer-Bowle aus. Alkoholfrei, aber mit Kohlensäure. Mann, ist das ein Spaß.“
Carla aß seelenruhig ihr Frühstücksei und sagte lächelnd: „Tja, Papa. Sie haben mir schon geschrieben, dass es Kalifornien wird.“ Seitdem bin ich in Panik.