Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.11.2013

346_Sex und Poesie

Auch verschwunden: Das Poesiealbum. Ich habe meinen Sohn gefragt, ob er öfter in die Poesiealben seiner Mitschülerinnen schreiben muss. Er sah mich mit großen Augen an und fragte mit vollem Mund zurück „Waff iff ein Powiealbm?“ Ich wischte die Krümel ab, die er mir beim Poesiealbumsagen ins Gesicht gepustet hatte und erklärte es ihm. Und ich erzählte ihm, dass es früher etwas bedeutet hat, wenn ein Mädchen einem so ein Ding in der Pause übergab, damit man sich dort verewigte.
Man nahm es mit nach Hause und überlegte sich genau, was man dort hinein schrieb. Es durfte nicht zu nett und zu persönlich sein, damit die nachfolgenden Reinschreiber nicht auf die Idee kamen, dass man das Mädchen am Ende vielleicht mochte. Es durfte aber auch nicht schroff oder gemein sein, denn das Ding hieß ja Poesiealbum und nicht Mobbingkladde. Ich gab mir immer Mühe und krakelte jedem Mädchen etwas anderes hinein, was meinen Marktwert enorm erhöhte. Ich hielt so die Sportskanonen der Klasse auf Abstand, die zwar besser im Kugelstoßen waren, aber die Seiten der Poesiealben mit ihren Tintenkillern durchschubberten oder unleserlichen Quatsch hinein schrieben. Noch schlimmer war nur der Streber, der es fertig brachte, in jedes Album exakt dasselbe hineinzuschreiben. Seine Einträge sahen aus, als habe er eine Formatvorlage für Poesie zuhause. Er klebte sogar jedes Mal einen Glückspfennig hinein und garnierte sein Werk mit einem daumennagelgroßen Froschaufkleber. Woher hat ein Elfjähriger 1978 einen ganzen Packen Froschaufkleber? Der Arsch. Also echt.
Leider hörte Nick mir nicht zu. Er schaltet immer ab, wenn ich längere Ausführungen mit den Worten „Als ich so alt war wie Du“ einleite. Außerdem wollte er selber etwas erzählen. Es hatte entfernt mit Poesie zu tun, denn es ging um Sex. Da sind sie heute zumindest theoretisch erheblich weiter als wir damals. Bei uns hieß es noch Aufklärung. Und die wurde von einem mit jedem Wort ringenden Vollbart erteilt, der mit sakralem Ernst einen Pariser über ein Stück Holz spannte als wollte er ein Geständnis erpressen. In Nicks Schule nennen sie das Ganze Sexualkunde-Workshop und alle dürfen mitmachen.
Nick berichtete, er sei ein Spermagent gewesen. So heißen bei ihnen die Spermien. Alle Spermagenten hätten schwarze Mützen aufgesetzt und seien eine Weile im Kreis gelaufen. Auf diese Weise hätten sie den Ernstfall simuliert, ähnlich wie in dem alten Woody-Allen-Film, wo die Spermien in weißen Overalls darauf warten, endlich abgeschossen zu werden. Nach einer Weile seien dann sämtliche Spermagenten über einen länglichen Luftballon gesprungen und zu einer Eizelle gerannt, die von ihrer todesmutigen Klassenkameradin Madelaine verkörpert worden sei. Diese habe ein Vorhängeschloss in der Hand gehalten und Julian sei es letztlich gelungen, es zu öffnen. Er sei also quasi der Sieger gewesen und durfte Madeleine symbolisch befruchten. Schließlich hätten alle ihre Zettel aus den Hosentaschen gekramt und nachgesehen, welches Geschlecht sie als Spermium gehabt hätten. Nick stellte zufrieden fest, dass er im Gegensatz zu Julian ein Junge gewesen sei.
Auf meine Frage, was eigentlich die Mädchen gemacht haben, während die Spermagenten grölend durch die Klasse gerannt sind, sagte er: „Die haben ihr Inneres entdeckt.“ Er fügte besserwisserisch hinzu, dass die Mädchen insgesamt komplizierter aufgebaut seien als die Jungen. Und dann berichtete er, dass sie alle gemeinsam Zervixschleim hergestellt hätten. „Zer… was?“ fragte ich. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Aber Nick dozierte, dass der Zervixschleim sehr wichtig sei für die Frauen und dass man übrigens über den Begriff keine Witze machen dürfe, sonst müsse man raus. „Wie habt Ihr denn das Zeug selber hergestellt?“ fragte ich entgeistert. Und darauf er: „Na, wie wohl: man muss dafür nur Karamellbonbons lutschen.“ Ich bin ja selten sprachlos, aber da musste ich einsehen, dass mein elfjähriger Sohn entschieden besser informiert ist als ich. Als ich in seinem Alter war, hatte ich nichts mit Zervixschleim am Hut. Ich schrieb nur „Mach’ es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur“ und malte eine Blume in Sonjas Poesiealbum.