Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.11.2013

347_Finsterland

Mir ist kalt. Das habe ich kommen sehen, denn mir ist ab November immer kalt. Und ich bekenne freimütig, dass ich den Winter nicht ausstehen kann. Alle wesentlichen Aspekte dieser Jahresunzeit gehen mir auf die Nerven: Schnee, Eis, Glätte, Kälte, Schnupfen und die komplette Dekoration inklusive Wintersportkleidung mit darin eingenähten verhaltensauffälligen Niederländern. Der Winter ist die Jahreszeit der Katastrophen. Die Bahn fährt nicht oder viel später als man sich das vorstellen kann und wenn, dann auf Kosten der Heizung. Sobald ein Zentimeter Schnee auf dem Rollfeld liegt, hebt kein Flugzeug mehr ab. Und der Autovermieter Sixt verlangt eine Extragebühr für Winterreifen, obwohl die vorgeschrieben sind und man gar keine Autos ohne Schneebereifung mieten kann. Im Winter macht das Grillen keinen Spaß, die Bundesliga macht Pause und im Sommer fröhlich brummende Biergärten sehen aus wie Friedhöfe. Es wird nicht einmal richtig hell und das ganze Land ist mit fiesen kleinen Steinchen paniert, auf denen man angeblich nicht ausrutschen kann. Wir leben in einem Rollsplitland. Im Winter ist man zudem ständig falsch gekleidet. Alle Menschen dampfen und kleben vor sich hin und niemals hat man im Winter so viel Spaß wie George Michael und seine Freunde im Video von „Last-Christmas.“ Bestimmt wurde das im Sommer auf den Seychellen gedreht. Mit Kunstschnee.
Das sind natürlich larmoyante und uncoole Beschwerden. Man muss das Leben eben so nehmen wie es kommt, samt Schnee und Graupel und Winterfest der Volksmusik. Es empfiehlt sich hier mal wieder als Orientierung der oberlässige Willy Brandt. Der wäre in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden. Die Medien haben in diesem Zusammenhang alle dasselbe Foto gedruckt und es war nicht das vom Kniefall in Warschau bei Sauwetter am 7. Dezember 1970. Nein, sämtliche Magazine und Zeitungen veröffentlichten stattdessen ein Bild, dass ihn im Sommer 1976 mit Fluppe im Mund beim Spielen einer Mandoline zeigt. Willy trägt ein Jeanshemd und sieht nicht so aus, als würde er auch nur einen einzigen trüben Gedanken an durchweichte Strümpfe und graue Schneehaufen verschwenden.
Ich tröste mich mit der Feststellung, dass eben nicht jeder so cool sein kann wie Willy Brandt oder eine libanesische Zeder. Im Schlosspark Weinheim steht ein solcher Baum, der bereits 500 Jahre alt ist und ebensoviele Winter einfach stumm und ohne Murren durchgestanden hat. Wobei man trotz aller Bewunderung für so viel Standfestigkeit bemerken darf, dass weder die Libanon-Zeder von Weinheim noch Willy Brandt jemals bei 3 Grad und Nieselregen in Altenbeken umsteigen mussten.
Altenbeken hat zwei Bahnsteige, einen Kiosk und je eine Toilette für Damen und Herren. Diejenige für die Herren ist kaputt und verschlossen und die für die Damen funktioniert nur nach Geldeinwurf. Wenn man keine 50 Cent hat, irrt man mit seinem Gepäck auf dem Parkplatz des Bahnhofs herum und sucht ein Gebüsch. Es spielen aber Kinder dort und es macht sich nicht gut, als Fremder mit einem Koffer hinter einem fast kahlen Holunderstrauch zu verschwinden. Also steht man mit leicht abgewinkelten Armen in seiner dicken Jacke wie ein Pinguin auf dem Bahnsteig, muss mal und denkt über seine Berufswahl nach.
Was soll ich machen? Für mich ist nun einmal der Winter die Hauptreisezeit. An ganz düsteren Wintertagen stelle ich mir vor, dass ich besser Plagiatsjäger oder Mikrobiologe geworden wäre, irgendwas, wo es kein Wetter gibt. Aber ich schreibe nun einmal. Aus Rache am Winter stelle ich mir dann vor, dass ich meine Dienste den Phishing-Verbrechern im Internet anbiete. Die schicken mir ständig Mails, weil angeblich mein Pay-Pal-Konto überprüft werden muss oder meine Bankdaten nicht mehr stimmen. Diese Schreiben sind von derart mieser stilistischer und orthographischer Qualität, dass wahrscheinlich niemand darauf hereinfällt. Ich könnte gegen ordentliches Honorar die Texte sicher zum Wohle der internationalen Internet Kriminalität verbessern. Auf solche finstere Gedanken kommt man wirklich nur im Winter, wenn Graupel auf die Gleise von Altenbeken fällt und der Zug eine Stunde Verspätung hat.