Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.12.2013

348_Unterwegs ohne Hirn

Das Gehirn des Menschen ist ein unvergleichlich faszinierendes Kraftwerk der Intelligenz. Es handelt sich bei diesem windungsreichen Organ um eineinhalb Kilo funkenschlagende Denkmasse, auf deren Besitz wir uns ziemlich viel einbilden können. Oder wenigstens Manche von uns. Ohne ein gut funktionierendes Gehirn wäre so etwas wie die Erfindung der Gartenkralle, die Zauberflöte oder der Schnittstellenpass nicht vorstellbar. Wer die Topleistungen unseres Großrechenzentrums zu würdigen versteht, erkennt allerdings auch schnell, mit wie wenig Hirntätigkeit man auskommt, um „Germany’s next Topmodel“ zu produzieren oder Pommes Rotweiß oder Bonusmeilen.
Für Letzteres muss man sich tatsächlich nur auf seinen Hintern setzen und zwischen Start und Landung ruhig bleiben. Das gelingt zugegebenermaßen immer seltener, weil der Abstand der Sitzreihen immer enger wird. Wenn die Fluggesellschaft jede Reihe um eineinhalb Zentimeter nach vorne schiebt, bekommt sie hinten weitere sechs Plätze ins Flugzeug. Dieses Experiment wird alle paar Wochen wiederholt und gelingt komischerweise immer, wenn auch auf Kosten der Kniescheiben der Kundschaft. Ich kann mich an Zeiten erinnern, wo man auf einem innerdeutschen Flug noch die Beine übereinanderschlagen konnte. Heute hockt man in einer Standarthaltung im Flugzeug, als sei man direkt ab Werk maschinell hinein gesetzt worden. Sein Gehirn kann man dort nicht gebrauchen, deshalb nehmen viele Fluggäste es gar nicht erst mit an Bord und quetschen ihr Gepäck in die Ablage als seien sie Orks auf Betriebsausflug.
Einmal im Flugmodus befindlich, rempeln und rüpeln sich selbst feine Herren mit Manschettenknöpfen steinzeitlich durch die Reise. Erst wenn sie am Zielort ihren Koffer vom Band nehmen, läuft ihr Betriebssystem hoch und das Oberstübchen gibt wieder Befehle. Es steht mir aber nicht zu, den deutschen Manager für sein Reiseverhalten zu kritisieren, denn ich kann für mich selbst keinesfalls in Anspruch nehmen, ständig ein auf Volllast laufendes Gehirn zu benutzen. Dafür ist die Liste meiner täglichen Verfehlungen einfach zu imposant.
Letzte Woche ist es mir zum Beispiel gelungen, innerhalb von fünfundzwanzig Minuten in drei Radarfallen zu tappen. Da war ich spätabends auf dem Weg von Stade nach Hamburg. Irgendwie sind sie dort ziemlich humorlos. Beim ersten Mal erschrak ich und stellte den Tempomat auf neunundsechzig Kilometer pro Stunde ein. Dann vergaß ich ihn, weil ich müde war und fuhr mit 69 in einer Ortschaft durch die zweite Messung. Ich erschrak abermals, bremste auf Tempo fünfzig runter und tuckerte so über die Landstraße, jedenfalls bis kurz vor der Autobahn. Ich freute mich so sehr auf die baldige Aufhebung der Geschwindigkeitsbeschränkung, dass ich beschleunigte und in die dritte Falle fuhr.
Aber ich bin mit derartigen Verblödungsanfällen nicht alleine. Eigentlich sind wir alle gemessen an den Möglichkeiten unseres Hirns erstaunlich doof. Wenn uns zum Beispiel ein Politiker sagt, dass er gegen eine Autobahnmaut ist, dann glauben wir das. Angela Merkel hat das im Wahlkampf mehrfach öffentlich betont und die Wähler messen sie daran, was ziemlich naiv erscheint und auf eine milde Form von Demenz schließen lässt. Die Kanzlerin ist jedenfalls viel schlauer als wir, sonst wäre sie ja auch nicht Kanzlerin. Sie hat sich längst etwas überlegt, um einerseits eine Straßenbenutzungsgebühr einzuführen und andererseits nicht als Wahlbetrügerin dazustehen. Außerdem ist die Autobahnmaut das Dosenpfand der Zehnerjahre und man möchte mit irgendwas in die Geschichtsbücher.
Sobald also die neue Regierung ihre Geschäfte aufgenommen hat, wird ein Ausschuss gebildet, der über die Sachlage berät. Spätestens Ende Mai 2014 tritt dieses Gremium mit Ergebnissen an die Öffentlichkeit. Von einer Autobahnmaut ist dann überhaupt keine Rede mehr. Stattdessen wird eine von den Verkehrsteilnehmern zu entrichtende Gebühr für die Benutzung aller Straßen vorgestellt, das ist etwas völlig anderes und betrifft auch Radfahrer und Fußgänger. Die neue Gebühr heißt „Fern– und Nahstraßen-Zulage“, abgekürzt FUNZ. Eigentlich braucht man nicht viel Gehirnschmalz, um darauf zu kommen. Oder?