Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.12.2013

349_Travoltas Zähne

Wer das Thema Unterhose nicht im Rahmen tiefergehender Selbstgespräche erörtert, beschäftigt sich damit: so ziemlich genau nie. Es ist daher nicht ungewöhnlich, wenn ich mir jahrzehntelang keine Gedanken dazu gemacht habe. Wie die meisten Menschen trug ich schon sehr früh Unterwäsche. Als ich selber darüber entscheiden durfte, wählte ich Boxershorts, die damals gerade in Mode kamen. Manchmal trug man sie sogar im Sommer als kurze Hose, dann jedoch meistens mit einer Unterhose darunter, manchmal sogar einer Boxershorts. Später verzichtete ich zugunsten einfarbiger Modelle auf lustige Motive und seit vielen Jahren kaufe ich mir immer dieselben Dinger. Ich habe nachgesehen, sie heißen Low Rise Trunk Shorts. Ich sage aber einfach Unterhose.
Das Thema hat mich nie beschäftigt. Schließlich handelt es sich um ein relativ unsichtbares Kleidungsstück und es wird mit den Jahren immer unsichtbarer. Doch letzten Mittwoch wurde die Unterhose als solche plötzlich zum Mittelpunkt der Abendunterhaltung. Da ging ich mit meiner Frau essen und Sara wählte ein neues italienisches Restaurant aus, in dem ich noch nie war. Der Kellner war ein Arsch. Das merkte ich sofort. Er flog um meine Gattin herum wie ein 70 Kilo schwerer Schmetterling, nahm ihr die Jacke ab, bevor ich die Gelegenheit dazu hatte und fächelte mit einer übertrieben servilen Geste unsichtbare Krümel von Saras Stuhl. Mir nickte er nur knapp zu.
„Süß“, sagte Sara, als der Kellner ging und die Speisekarten holte.
„Wer? Der? Was ist denn an dem süß?“ fragte ich, denn ich fand ihn überhaupt nicht süß. Kein bisschen. Eher ein wenig aufdringlich.
„Jetzt sei doch nicht gleich eifersüchtig, nur weil der Typ mich anlächelt,“ sagte sie, dabei bin ich überhaupt nicht eifersüchtig. Oder ist man eifersüchtig, wenn man feststellt, dass dieser Kellner blendend aussieht, gute Manieren hat und offensichtlich Humor. Ist man? Na gut, wenn schon.
Er kam zurück und wir bestellten. Es entging mir nicht, dass er Sara ansah, als befände er sich auf einer Expedition durch die arabische Wüste und hätte soeben einen Getränkeautomaten entdeckt. Sara gefiel das offenbar. Sie lächelte zurück. Dann schenkte er uns den Kaffee. Mir ging das auf die Nerven und ich sagte: „Ich will dafür aber nicht mit ihm nach Hause.“ Sara entgegnete: „Du bist auch gar nicht gemeint. Außerdem kannst Du Dich ruhig freuen, wenn mich jemand attraktiv findet. Das ist ja auch ein Kompliment.“
Das stimmte zwar, dieses Grinsegesicht ging mir trotzdem auf die Nerven. Als er mit der Rechnung antänzelte, sagte meine Frau tatsächlich zu ihm: „Sie haben Zähne wie der junge John Travolta.“ Daraufhin grinste der Kerl derart unverschämt aus seiner Casanova-Visage, dass ich mich entschloss, ihm kein Trinkgeld zu geben. Was natürlich albern war. Ich gab letztlich reichlich, aber von wütender Hand.
Er bedankte sich und ging ab. Sara guckte ihm nach und sagte: „Der trägt sicher String-Tangas.“ Dann gingen wir nach Hause. Auf dem Heimweg entwickelte sich eine Diskussion darüber, ob man als Mann im 18. Ehejahr seine Unterhosengewohnheiten in Frage stellen sollte. Ich bin dagegen, jedenfalls wenn es der Abwehr von Rivalen dient, die zwanzig Jahre jünger sind und ein Gebiss wie ein amerikanischer Schauspieler haben.
Dennoch setzte ich mich zuhause an den Rechner und recherchierte das Angebot. Man muss dabei feststellen, dass der Markt für Unterhosen ebenso unübersichtlich wie vielfältig ist. Das meiste finde ich schrecklich, zum Beispiel die Kollektion des Fußballers Christiano Ronaldo, die unter dessen Künstlernamen CR7 vermarktet wird. Einige Modelle sehen aus wie Penisfutterale vom Rio Branco. Andere kommen mir vor als seien sie für mindestens zwei Personen gedacht oder ein Elefantenbein. Ich scrollte in den Angeboten und entschied mich letztlich für einen Dreierpack Low Rise Trunk Shorts. Wie immer. Ich bin in einem Alter angelangt, an dem man sich nicht mehr nervös machen lässt. Wäre ja noch schöner, wenn ich mir von John Travolta vorschreiben lassen würde, was ich für Unterhosen zu tragen habe.