Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.12.2013

350_Alles wird geteilt

Wir befinden uns im Zeitalter des Teilens. Das ist Oldschoolern wie mir schwer zu vermitteln, aber tatsächlich ist Teilen das neue Haben. Als moderner Mensch teilt man sich ein Auto mit fremden Leuten, die darin Knoblauchdunst verströmen als wären sie auf Vampirjagd. Man teilt sich Büros, die man jedes Mal neu einrichten muss, wenn jemand anders darin gearbeitet hat und Frauen teilen sich teure Handtaschen, damit diese nicht sinnlos in Schränken herumliegen, wenn sie eigentlich gerade Eindruck schinden könnten.
Ebenfalls im Sharingkreislauf: Lebensmittel, Bücher, Filme, Gartengeräte und Bohrmaschinen. Bewohner von gefragten Städten teilen sich ihre Behausungen mit ein– und wieder ausfliegenden Geschäftsreisenden und manche Zeitgenossen stellen sogar sich selbst und ihren Körper zum Teilen zur Verfügung. Bei RTL2 sind bisweilen Eheleute zu bestaunen, die fünfzig Kilometer weit mit dem Auto fahren, um sich ein Ehepaar aus Bad Salzuflen und einen Makler für Gewerbeimmobilien aus Treuchtlingen zu teilen. Manche ziehen dabei sogar venezianische Masken auf. Und anschließend essen alle gemeinsam Kartoffelsalat. Verrückte Welt, wirklich.
Die meisten Teilungen kommen über das Internet und dort ansässige Plattformen zustande. Laut einer Studie der Bitkom – einem Verband der IT-Branche – haben 83 Prozent der Internetnutzer Interesse an der so genannten Shareconomy. Die Begeisterung für diese gesellschaftliche Revolution hat mich allerdings noch nicht im gewünschten Umfang erreicht. Ich teile recht ungern, zumindest Dinge, die ich einmal mit einer gewissen Begeisterung angeschafft habe. Womöglich bin ich zu sehr Kapitalist oder so. Aber ich kann es schon nicht ausstehen, wenn Andere mit ihrem Besteck in meinem Essen herumstochern. Es hat einen Sinn, dass der Rosenkohl da liegt wo er liegt. Ich mag es, dass er da liegt und wenn den einer wegnimmt, bekommt er meine Gabel zu spüren. Das findet meine Tochter spießig. In ihren Augen leben wir zuhause in einer Art Kommune, in der es vollkommen selbstverständlich ist, dass sie sich die Pullover ihrer Mutter und die CDs ihres Vaters nimmt, ohne jemals danach zu fragen. Zumindest die Musik gebe es schließlich auch kostenlos im Internet, warum soll sie mich dann darum bitten?
Diese Haltung teilt sie mit vielen Pubertieren und diese teilen diese Meinung wiederum bei Facebook mit, dem Eldorado des Teilens. Auf Facebook wird ununterbrochen geteilt. Das hat dazu geführt, dass der Begriff in der bei Facebook üblichen Form in die Alltagssprache des Pubertiers und ihrer Freunde eingesickert ist. Wenn sie sich unterhalten, sagt einer von ihnen: „Teilt: Ich habe mein Pausenbrot vergessen.“ Und er bekommt zur Antwort: „Teilt: Du kannst etwas von mir haben, aber es gibt Leberwurst.“ Worauf der erste entgegnet: „Teilt: Dann kaufe ich mir lieber ein Snickers.“
Aber auch bei unserer Tochter hat diese Teilerei gewisse Grenzen, wie ich herausfand, als ich ihr vorschlug, unseren Christbaum mit den Nachbarn zu teilen. Ich sagte: „Wir könnten den Baum an Heiligabend schmücken und ihn dann gegen 15 Uhr bei Schürbergs vorbeibringen, wofür wir den Baum von Dattelmanns bekommen, der am 1. Weihnachtstag von Schulzes abgeholt und durch den Baum von Familie Keller ersetzt wird.“ Sie tippte sich an die Stirn und sagte, sie wolle gefälligst einen eigenen Baum und dass ich das Prinzip des Teilens offenbar nicht kapiert hätte. Wahrscheinlich hat sie Recht.
Ich kämpfe noch mit der Kultur einer in Dauerteilung befindlichen Gesellschaft, welche ihren Hunger nach geteilten Erfahrungen übrigens rund um die Uhr stillen kann, wenn sie sich bei Live-Tickern informiert. Dort wird selbst dann irgendwas mitgeteilt, wenn es überhaupt nichts mitzuteilen gibt. Im Rahmen der von den Medien zu einem Jahrtausendereignis hochgeföhnten Sturmflut in Norddeutschland vermeldete der Focus-Online-Ticker am 5. Dezember um 12:03 Uhr zum Beispiel folgende Horrormeldung: „Im Landkreis Friesland ist es schon ordentlich windig.“ Ja. Aha. Da ist es windig. Soso. Diese Nachricht fand ich derart abstrus, dass ich sie nicht etwa gelöscht hätte. Nein, ich habe sie sofort: bei Facebook geteilt.