Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.12.2013

351_Der Christbaumfrevel

Sara bat mich, einen Christbaum zu holen. Das war am 12. Dezember. Ich hatte aber keine Zeit und deshalb erledigte ich den Auftrag an Heiligabend gegen 15:30 Uhr. Da bekommt man die Bäume außerdem billiger, weil nur noch Ladenhüter übrig sind. Mir ist das egal, man kann optische Unzulänglichkeiten durch geschickte Dekoration sehr gut ausgleichen. Ich kenne mich damit aus. Mein Schwiegervater Antonio begleitete mich zu Herrn Seebald, dem Baumhändler. Sein Angebot fiel tatsächlich ziemlich mau aus. Seebald zeigte uns die einzige Tanne, die in 200 Zentimetern noch da war. Ich fand sie sensationell, aber Antonio schimpfte: „Dä iste esselik, brutto, Madonna, porca miseria.“
Er zog mich zum Auto und verkündete, unverzüglich abzureisen, wenn ich diesen grotesken Baum kaufen würde. „Hast Du eine bessere Idee?“ fragte ich verzweifelt. Und er hatte eine: „Gehen wir zwei Männer zusamme in der Wald und holen dort der Baume.“ Na großartig. Männerrituale mit Antonio. Im Wald. Er strahlte mich mit seinen Funkelaugen an und ich konnte es ihm nicht abschlagen, auch wenn ich in Botanik nicht sehr sattelfest bin. Ich kann ein Veilchen von einer Rotbuche unterscheiden, damit hat es sich schon. Ich sehe in den Wald wie ein Schwein ins Uhrwerk. Wirklich wahr. Trotzdem fuhren wir zuerst nach Hause, wo ich eine Säge aus dem Schuppen holte und dann weiter zum Wald, wo wir das Auto abstellten. Ich wollte zuhause Bescheid sagen, aber mein Handy hatte dort keinen Empfang. Die Telekom rechnet im Forst nicht mit großen Umsätzen.
Es wurde langsam dunkel. Da bin ich gern zuhause. Aber Antonio schnürte aufgeregt durch die Schonung und rief „Dä hier iste ideal fur der Zweck.“ Der Baum hatte aber ganz eindeutig Blätter. Antonio fand meinen Einwand kleinlich, stapfte aber immer tiefer ins Gehölz und schrie schließlich von irgendwoher, dass er eine Tanne entdeckt habe. „Wo?“ rief ich. Die folgende Viertelstunde verbrachte ich damit, ihn in der Dämmerung zu suchen. Als ich ihn aufspürte, lehnte er lässig an einer sechs Meter hohen Fichte. Antonio empfahl, den Baum überhaupt erst in zwei Meter Höhe umzusägen und dann vom ohnehin viel zu langen oberen Ende so viel zu kappen, dass man ihn gut zu zweit tragen könne. Was dem Baum oben fehlte, würden wir später mit der Christbaumspitze verdecken. Ein großartiger Plan.
Ich setzte die Säge über meinem Kopf an und wollte gerade loslegen, als mich ein Lichtstrahl mitten ins Gesicht traf. „Was machen Sie denn da?“ fragte eine autoritäre Stimme. Das war Dattelmann. Nachbar, Schulpflegschaftsboss, Vollidiot. Aber nicht ohne Einfluss im Dorf, das muss man sagen. Bevor ich antworten konnte, dass ich den Baum nur anritzte, um im Frühjahr Kautschuk zu gewinnen, rief er: „Das sieht mir ganz nach Holzfrevel aus.“ Ich ließ die Säge fallen und rannte los. „Toni! Lauf“ rief ich und sah mich nach ihm um. Dabei strauchelte ich und fiel in einen Brombeerstrauch, der sich im Gesicht anfühlte wie Nato-Stacheldraht. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Schmerz. Dann drehte ich mich auf den Rücken. Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich in Antonios Gesicht. „Nee, der iste nikte tot, nur bissken blöde,“ sagte er.
Dattelmann trat hinzu und erkannte mich: „Ach, Du bist es. Ich habe schon gedacht, da wäre ein Holzdieb am Werk.“ Das machte mich irgendwie sauer, denn offenbar traut mir Dattelman gar nichts zu. Wir verabschiedeten uns und taperten durch den Forst bis wir Licht sahen. Es war schon nach zwanzig Uhr als wir zuhause ankamen. Zerschunden, müde, baumlos. Ich klingelte, Sara öffnete. Wir traten ein und sahen einen wunderschönen Christbaum, geschmückt, dass sich die Zweige bogen. Brennende Kerzen, harziger frischer Duft. „Wo kommt denn der her?“ fragte ich tonlos. Sara berichtete, dass kurz nach 16 Uhr Herr Seebald anrief, um mitzuteilen, dass er gerade noch frische Bäume bekommen habe. Man habe bis 18 Uhr auf mich gewartet und fünf Mal bei mir angerufen, dann habe Herr Seebald den Baum vorbeigebracht. Und wo wir eigentlich her kämen? Antonio sagte: „Dä Jung wollte unnebedingt mit mir eine trinken, was solli makene. Abene wir Männertag gemakte.“ Dann grinste er mich an. Er hat ein richtiges Ganovengrinsen, wenn er will.