Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 30.12.2013

352_Stellvertreterwürde

Nun wird wieder überall nach den Menschen des Jahres gefahndet. Es handelt sich dabei meistens um Leute, die stellvertretend für uns Dinge getan haben, zu denen wir nicht fähig waren. Im Grunde belohnen wir also Mut, Talent oder Sportlichkeit, die uns selber fehlen. Und indem wir diese Eigenschaften bei Anderen auszeichnen, werfen sie ihren Glanz auf uns zurück. Die Medien haben sich weitgehend darauf festgelegt, dass Edward Snowdon, Franck Ribery und der Papst zu den Kandidaten für alle möglichen Ehrungen gehören, auch wenn amerikanische Geheimdienstkreise die Sache bei Snowdon anders sehen. Bei Ribery und dem Papst haben sie nichts abgehört, was gegen eine Auszeichnung sprechen könnte.
Ebenfalls stark im Fokus der Öffentlichkeit: Markus Lanz, Walter White, Uli Hoeneß, Lady Gaga, Boris Becker. Alles bekannte Gestalten, die aber auch schon in früheren Jahren durch irgendwas aufgefallen sind. Schon deshalb taugen sie für mich nicht als Menschen des Jahres. Ich hätte da ganz jemand anderen im Angebot, wobei ich leider nicht einmal den Namen der Frau von der Rezeption des Hotels in Jena weiß. Sie ist blond und ziemlich jung und für mich ist sie eine Heldin. Es hat mit ihrer Freundlichkeit zu tun und mit dem schlechten Benehmen mancher Zeitgenossen. Ich habe das Gefühl, dass es damit schlimmer wird. Und ich verehre jeden, der sich in unserer Dienstleistungsgesellschaft täglich anbrüllen, ignorieren und demütigen lässt, ohne gleich Amok zu laufen.
Neulich sah ich dabei zu, wie ein Typ im Zug vier Zeitungen las, sie dabei auseinander fledderte und auf den Boden warf. Dann nahm er sein Gepäck und ging. Die Zeitungen blieben liegen. Bald darauf erschien ein Mann mit einer Mülltüte. Er musste aufsammeln, was der Reisende ihm vor die Füße geworfen hatte. Dieser Arsch hätte das Papier auch nach dem Lesen falten und auf den Sitz neben sich legen können. Aber dazu hatte er keine Lust. Also musste der Bahnmitarbeiter auf die Knie. Ich sah zu, wie der Mann seinen Job machte und tat nichts, außer ihn freundlich zu grüßen. Vielleicht hätte ich lieber das Zeug aufheben sollen, aus Respekt und um den Schaden zu begrenzen, der in der Seele eines Menschen entstehen muss, wenn er jeden Tag so behandelt wird.
Am nächsten Tag erlebte ich in einem Hotel in Jena den Auftritt eines kleinen dicken Glatzkopfes, der die junge Frau an der Rezeption zusammenbrüllte, dass es nur so rauchte. Warum? Weil die Kostenübernahmeerklärung seiner Firma fehlte und er sein Zimmer selber bezahlen sollte. Die Frau fragte den Schreihals, ob eventuell jemand mit ihm gereist sei, ein Kollege. Möglich, dass die Kostenübernahme auf ein anderes Zimmer gebucht sei. Darauf brüllte der Idiot los, was sie eigentlich mit Kollegen meine und wie sie dazu komme, ihm zu unterstellen, er reise mit Kollegen. So eine Unverschämtheit. Und dass er den Geschäftsführer sprechen wolle. Er reagierte sich an der Frau ab, er wollte ihr weh tun, er wollte sie weinen sehen. Sie bat ihn, mit der Schreierei aufzuhören und ich hörte ihr an, dass ihr diese Bitte nicht leicht fiel. Sie fing nicht an zu weinen, sondern kramte weiter nach der blöden Kostenübernahmeerklärung und blieb freundlich.
Ich finde es zum Kotzen, wenn Leute durch ihre Schreierei versuchen, andere ins Unrecht zu setzen. Es erinnert mich an ganz finstere Zeiten. Aber ich sagte nichts, ich räusperte mich nur. Darauf schnauzte er die Frau an, sie solle erst mich bedienen, ich hätte es offenbar eilig. Ich war dann so freundlich zu ihr, wie ich nur konnte. Ich lächelte, scherzte, versuchte, alles wieder gut zu machen, was er an ihr verbrochen hatte. Aber zu ihm sagte ich nichts.
Erst auf dem Weg zum Bahnhof fielen mir alle Beleidigungen ein, die ich diesem miesen Sack, diesem Kotzbrocken, diesem Wicht hätte entgegen schleudern sollen. Und ich dachte, dass ich sie hätte vor ihm beschützen müssen. Ich hätte ihm nach guter alter Tarantino-Film-Sitte die Rezeptionsklingel auf die Fleischmütze schmettern sollen. Aber ich habe nichts getan, während Sie alles richtig gemacht hat. Sie erfüllt damit das Hauptkriterium für die Auszeichnung Mensch des Jahres. Und deshalb nehmen Sie bitte, liebe junge Frau aus dem Hotel in Jena, diesen privat von mir verliehenen Titel an. Damit ich mich besser fühle.