Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.01.2014

353_Rauchende Raupen

Wenn ein Vater am Sylvester-Nachmittag die Order ausgibt, dass die Tochter um Punkt ein Uhr nachts daheim zu sein hat, dann muss er das auch genau so sagen: „Du bist um Punkt ein Uhr zuhause, sonst gibt’s Kasalla.“ Das sagte ich aber natürlich nicht. Ich mahnte vielmehr unkonkret und ohne jede eindrucksvolle Drohkulisse: „Sieh zu, dass Du nicht so spät nach Hause kommst, ja?“ Solch einen Larifari-Spruch kann man sich gleich sparen, denn er enthält keine für ein Pubertiergehirn verwertbare Information.
Apropos verwertbare Information. Hier ist eine für alle Leserinnen und Leser, die mit dem Begriff „Kasalla“ nichts anfangen können: Das Wort leitet sich von dem Markennamen „Casala“ ab, einem Hersteller von Möbeln, der einst besonders im Rheinland viele Schulen belieferte. Wenn es dort in früheren Zeiten Dresche vom Lehrer gab, mussten sich die Delinquenten nach vorne über den Tisch beugen und sahen während der Bestrafung auf das Firmenschild mit der Aufschrift „Casala“. Das Wort hat sich ihnen als Synonym für „großen Ärger“ eingeprägt. Bevor Carla gegen 18 Uhr zu Maximilians Feier abschwirrte sprachen wir auch über Jungs und darüber, dass die im Laufe so einer Sylvesterparty wie überhaupt eigentlich immer zu einer gewissen körperlichen Romantik neigen, die von den Mädchen zu Recht als übergriffig und total fehl am Platze wahrgenommen wird. Und von mir auch. Wenn sich irgend so ein Aknepirat unautorisiert meiner Tochter nähert, gibt’s Kasalla.
Leider hatte mich Maximilian nicht zu seiner Party eingeladen, ich hatte also keine Möglichkeit, mein Pubertier zu beschützen. Komischerweise will es das auch gar nicht. Sämtliche derartige Versuche werden als unbotmäßig und peinlich geradezu brüsk abgelehnt. Ich wollte aber wenigstens hilfreiche Tipps geben und erklärte Carla, dass man Zudringlichkeiten verhindern kann, indem man möglichst viel raucht. Ich würde meiner Tochter unter normalen Umständen niemals den Genuss von Tabakwaren empfehlen und heiße ihn auch grundsätzlich nicht gut, aber Nikotin eignet sich ausgezeichnet zur Abwehr von Fressfeinden. Das habe ich jedenfalls gelesen. Gut, es ging in dem Artikel eher um Tiere, aber die Sache klang sehr danach, dass man die Erkenntnisse der Biologen vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena auch auf Pubertiere anwenden kann.
Die Forscher haben herausgefunden, dass Wolfsspinnen der Appetit auf Raupen vergeht, wenn diese an Tabakblättern knabbern. Dabei gelangt nämlich eine kleine Menge von Nikotin in den Verdauungstrakt der Raupe. Kenner der Marterie schnalzen mit der Zunge, wenn die Wissenschaftler berichten, was dann geschieht. Es ist nämlich tatsächlich so, dass in den Zellen des Mitteldarms der Raupe ein Gen namens CYP6B46 aktiviert wird, welches umgehend die Produktion von Cytochrom P450 6B46 ankurbelt. Dieses listige Protein kümmert sich darum, dass ein Teil des verdauten Nikotins in die Körperflüssigkeit der Raupe weitergegeben und schließlich über die Haut ausgedünstet wird. Der dabei entstehende Geruch passt den Wolfsspinnen überhaupt nicht, mehr noch, er verdirbt ihnen schlagartig den Appetit. Eine darüber übel gelaunte Wolfsspinne sucht sich umgehend eine Raupe mit anderen Essgewohnheiten oder sie verliert gänzlich die Lust auf Raupen und spielt mit ihren Kumpels Playstation und lässt die stinkenden Raupen stinkende Raupen sein.
Nachdem ich Carla mit diesem Thema ausführlich gelangweilt hatte, nahm sie ihren Rucksack und haute mich um fünf Euro für Zigaretten an, damit sie den Wolfsspinnen auf der Party ein Schnippchen schlagen könne. Dann verschwand sie. Und natürlich kam sie nicht um eins nach Hause, sondern um zehn vor vier. Das weiß ich so genau, weil ich bis dahin kein Auge zugemacht hatte. Ich dachte immerzu an die Wolfsspinnen und stellte mir panisch rauchende Raupen vor. Als Carla heimkam, stand ich auf, wünschte ihr ein frohes neues Jahr und wollte ihr einen Kuss geben, aber meine kleine Raupe stank derart nach Qualm, dass ich es mir anders überlegte. Ich fragte, wie es bei Maximilian war und sie erklärte, die Jungs seien leider sowas von langweilig gewesen. Kein Wunder, dachte ich und legte mich wieder hin. Triumph der Wissenschaft, das muss man mal sagen. Ich bin beeindruckt.