Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.01.2014

354_Un-ver-schämt-heit

Zeitungsredaktionen müssen sich mit Leserbriefen auseinandersetzen, Radioanstalten mit Hörerreaktionen, Fernsehsender mit Zuschauerpost. Gerade las ich, dass die Süddeutsche Zeitung pro Jahr um die 35 000 Briefe erhält. In anderen Häusern sind es vermutlich ähnlich viele, was grob hochgerechnet bedeutet, dass sich unter den etwa 80 Millionen Deutschen vier Millionen Leser– und Zuschauerbriefautorinnen– und –autoren tummeln. Das ist schon eine enorme Zahl, gibt aber Anlass zur Beruhigung, denn wo geschrieben wird, da wird zumindest vorübergehend nicht gemordet oder geplündert.
Viele Redaktionen unterhalten eigene Abteilungen für die Bearbeitung der Publikumspost. Bei der ist übrigens ein Phänomen zu beobachten: Die negativen Briefe überwiegen deutlich. Der Grund dafür ist einfach und verständlich: Wenn einer Leserin oder einem Zuschauer das Programm oder die Zeitung gefallen, dann fassen sie das als selbstverständlich auf, denn schließlich haben sie ja auch dafür bezahlt. Das ist sehr menschlich. Wer käme schon auf die Idee, sich beim Fahrer einer U-Bahn für die angenehme und genau bis ans Ziel geführte Fahrt zu bedanken? Niemand. Die Menschen schreiben daher in der Regel, um sich zu beschweren.
Psychologisch interessant ist dabei der Umstand, dass die meisten Briefe zunächst eine gewisse Verbundenheit mit dem Medium erkennen lassen. Schreiben beginnen häufig mit den Worten: „Ich bin seit 1973 Leser dieser Zeitung!“ oder „Ich habe bereits Rundfunkgebühren gezahlt, da war Ihr Herr Zamperoni noch nicht mal geboren.“
Nach dieser endlos variablen Einleitung folgt der eigentliche Anlass für den Gram, der die Finger über die Tastatur treibt: Die Berichterstattung sei einseitig, doppeldeutig, bereits drei Mal woanders gehört worden oder in der Wortwahl vierschrötig. Oder ein Beitrag sei überflüssig. Dies ist ein ganz häufiger Vorwurf. Unser Nachbar Dattelmann regte sich zum Beispiel kürzlich heftig darüber auf, dass Michael Schumachers Skiunfall flächendeckend und tagelang die Berichterstattung beherrschte. Das sei eine Un-ver-schämt-heit, donnerte Dattelmann, zumal er sich schon für Schumachers Autorennen nie interessiert habe. Diese seien aber wenigstens im Privatfernsehen übertragen worden, was Dattelmann nichts gekostet habe. Das sei nun jedoch anders. Er zahle seine Rundfunkgebühren nicht, um über diesen Schumacher-Unfall informiert zu werden. Das solle gefälligst RTL machen. Andere Leute verletzten sich auch und darüber würde niemand berichten. Mein zaghafter Einwand, dass sich die Öffentlichkeit nun einmal mehr für Michael Schumacher als beispielsweise für ihn interessiert, besänftigte Dattelmann ebenso wenig wie meine Rechnung, dass bei den Tausenden von Sendeminuten, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk täglich herstellt, diejenigen über Schumacher kaum einen einzigen Cent seiner 18 Euro Rundfunkgebühr aufzehrten. War Dattelmann egal. Er schickte der Zuschauerredaktion des Bayerischen Rundfunks einen verbitterten Brief, in welchem er forderte, dass demnächst gefälligst auch über seine bevorstehende Krampfaderverödung berichtet werden müsse.
Ich finde, man muss in diesen Dingen großzügiger sein. Ich zahle gerne bei der Zeitung auch sämtliche Artikel, die ich nicht mag oder gar nicht erst lese und selbstverständlich den ganzen Quark, den die ARD Mittwochabends ausstrahlt. Zur Belohnung darf ich Fußball gucken. Das ist fair. Wobei. Neulich. Das war unfassbar. Sara wollte einen Fernsehfilm im Ersten ansehen. „Ohne Dich“ hieß dieses Meisterwerk. Ich sagte noch: „Nein! Bitte nicht. Das ist ein deutscher Fernsehfilm! Das wird entsetzlich.“ Aber sie bestand darauf. Und es war dann vollkommen unterirdisch. Der Film handelte von einer Frau, deren Mann im Urlaub angeblich bei einem Bootsunfall stirbt. Sie glaubt das aber nicht und forscht ihm hinterher, wobei sie erstens verrückt und zweitens von einem melancholischen Weinhändler angebaggert wird. Man weiß nicht, was schlimmer ist. Am Ende findet sie ihren Kerl in der Bretagne, wo er in einem Restaurant arbeitet und behauptet, er sei auf der Flucht vor der Mafia und nur verschwunden, um sie zu schützen. Totaler Quatsch. Ich war ganz kurz davor, einen gepfefferten Brief zu schreiben. Ich will meine Gebühren zurück. Also echt.