Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.01.2014

355_Wiki-wacky

Gerade habe ich eine unglaubliche Zahl gelesen: Siebzig Prozent aller Internetnutzer informieren sich mehr oder weniger regelmäßig über Wikipedia. Das ist dann doch enorm und hat dazu geführt, dass praktisch niemand mehr eine gedruckte Enzyklopädie verwendet. Meine Kinder wissen gar nicht, dass überhaupt jemals eine Alternative zu Wikipedia existierte. Nachdem die Generation meiner Großeltern den Brockhaus für immer aus der Hand gelegt hat, wird dieser nicht mehr neu aufgelegt. Was natürlich schade ist, genau wie der Verlust des Blitzwürfels, der Ado-Gardine und des Bandsalates.
Das klassische Regal-Lexikon galt im Vergleich zur Internet-Konkurrenz immer als etwas genauer, noch humorloser und zudem unbestechlicher. Andererseits hat man Band 15 mit den Einträgen Moe-Nor nicht unbedingt immer auf Tasche, wenn man im Café sitzt und mal eben wissen möchte, wie der größte Ort von Neu-Guinea heißt, nämlich Port Moresby. Die Wikipedia hingegen hat jeder sofort parat. Sein unflexibles, quasi immobiles, ja geradezu stubenhockerisches Konzept hat dem Brockhaus und seinen gedruckten Kollegen am Ende den Garaus gemacht.
Allerdings ist die Verwendung von Wikipedia nicht ohne Risiko. Es darf nämlich jeder dort mitschreiben. Und diese eigentlich begrüßenswert demokratische Ausrichtung macht das Online-Lexikon anfällig für Manipulationen aller Art. Interessierte Kreise aus der Industrie erweitern gerne den einen oder anderen Artikel, um Informationen zu streuen, die zwar nicht stimmen, aber manchmal nur schwer zu widerlegen sind. Es ist zum Beispiel nicht wahr, dass die Oberfläche des Mondes aus Velveeta-Schmelzkäse besteht. Der britische Thronfolger Prince Charles hat niemals ein Reggae-Label betrieben, Zwieback hilft nicht gegen Rheuma und Volkswagen ist keineswegs der Familienname des Firmengründers und dieser hieß mit Vornamen auch nicht Hans-Peter.
Derartige Unschärfen werden von der zuständigen Schwarmintelligenz meistens schnell entdeckt und behoben, bevor eine große Zahl von Nutzern auf sie reinfällt. Aber manche Fehler bleiben lange bestehen und daher haftet der Online-Enzyklopädie den Anstrengungen ihrer Autoren zum Trotz etwas latent Unseriöses an. Man kann ihr nur bedingt vertrauen. Und in diesem Zusammenhang hätte ich nun eine kleine Bitte. Es ist nämlich so, dass auch ein Eintrag über mich existiert. Ich habe ihn nicht angelegt, dass war offenbar ein gewisser „Halunky“ und ich bin übrigens nicht mit ihm oder ihr verwandt. Auch nicht mit den ungefähr vierzig weiteren Autorinnen oder Autoren, die klangvolle Namen wie „Soccerman“, „Wö-ma“ oder „Blaufisch“ tragen und beständig an meiner Wiki-Existenz herumbasteln.
Manchmal wird dabei lediglich ein Doppelpunkt eingefügt, bei anderen Gelegenheiten aber auch Informationen, deren Quellen mir schleierhaft sind. Es stimmt fast alles, aber es fehlt noch so einiges. Daher meine Frage an die Wiki-Community oder wie das heißt: Könnten Sie bitte der Vollständigkeit halber noch einige wichtige Details aus meinem Leben erwähnen? Zum Beispiel, dass ich während meiner Karriere als Unterwäschemodel zahlreiche Ehen absolviert habe, unter anderem mit Cindy Crawford, Halle Berry und Gisele Bündchen. Und dass ich den Physik-Nobelpreis einfach ablehnen musste, weil ich lieber den für Frieden haben wollte. Und dass ich aus dem Mensa-Club der Hochbegabten inzwischen ausgetreten bin, weil die mir da einfach alle viel zu blöd sind. Diese Informationen waren bisher völlig unbekannt, sie stehen nicht einmal im Brockhaus.
Die tolle Wikipedia weiß eben bei weitem nicht alles, das hat sie mit dem ollen Lexikon in meinem Regal gemein. Erst gestern habe ich dort etwas nachgeschlagen. Und dann im Internet gesucht. Aber ich habe nichts Brauchbares gefunden. Unsere Tochter Carla hat nämlich behauptet, die chemische Formel von Apfelsaft zu kennen. Sie sagt, Apfelsaft sei nichts anderes als H2O-A. Aber weder bei Wikipedia noch sonstwo ließ sich diese Aussage verifizieren. Also muss ich wohl auf Carlas Wort vertrauen. Denn wo kommen wir hin, wenn wir nicht einmal mehr unseren Kindern glauben können.