Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Textpolizist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.01.2014

356_Tyrannentheorie

Gestern war mein Rasierschaum mal wieder weg. Ich brauche ihn ungefähr zwei Mal in der Woche. Und ich mag es, wenn er dann einfach dort steht, wo er zu stehen hat. Stand er aber nicht. Zum Glück weiß ich genau, wo ich danach suchen muss, nämlich im Kinderbad, das eigentlich kein Kinderbad mehr ist, sondern aussieht wie das Kosmetik-Testlabor von der BRAVO. Wobei ich nicht weiß, ob die dort überhaupt ein Kosmetik-Testlabor haben. Aber ich stelle es mir so vor. Jedenfalls fand ich dort nicht nur meinen Rasierschaum, sondern auch alle drei Nagelscheren, die ich besitze. Und mein Haarwachs. Und meine Kopfhörer. Und mein Bürotelefon. Ich nahm alles mit und ärgerte mich über die Tyrannei der Jugend, der ich mich ausgesetzt sehe. Aber die kann nicht mehr lange dauern. Ich habe nämlich die Theorie entwickelt, dass Diktaturen, die auf Diebstahl setzen, keine Zukunft haben. Die Geschichte hat dies schon oft bewiesen.
Ich kann mich zum Beispiel an eine BASF-C-90-Musik-Cassette erinnern, die ich im Frühjahr 1983 für Cousine Ines aus Ilmenau aufnahm. Auf der A-Seite befand sich Musik von The Cure, Bauhaus und den Dead Kennedys, auf der anderen Seite David Bowie. Außerdem enthielt das Westpaket eine gut erhaltene rote Fiorucci-Jeans. Die Hose ist in Thüringen angekommen, die Cassette hingegen nicht. Jahre später habe ich gelesen, dass die Stasi wegen andauernder Materialknappheit die Bänder aus den Westsendungen stahl, um die Gespräche ihrer Landsleute damit aufzeichnen zu können. In einigen DDR-Gefängnissen mussten die Häftlinge auch Blut abgeben, das dann nach Bayern verschachert wurde. Es ist daher nicht auszuschließen, dass in den Adern eines niederbayerischen CSU-Landrates seit einem Verkehrsunfall im Jahre 1986 real existierendes Sozialistenblut zirkuliert, geklaut vom DDR-Regime. Und was hat das DDR-Regime davon gehabt? Nichts, denn wenige Jahre später war die empörend und in jeder Hinsicht räuberische Regierung am Ende.
Dieses Schicksal blüht meiner Meinung nach langfristig auch der Führung von Tadschikistan. Seit kurzem ist bekannt, dass sogar die Präsidentenfamilie des zentralasiatischen Landes in gestohlenen Autos aus Deutschland unterwegs ist. In einigen der vornehmlich in Berlin geklauten Fahrzeuge befinden sich noch CDs von Frank Zander, Sido und Rammstein.
Ebenfalls schwer unter Verdacht: Der nordkoreanische Universal-Diktator Kim Jong-un, der den Goldstandart verbrecherischer Regime kürzlich mit der illegalen Anschaffung von Schneeraupen neu definiert hat. Es ist nämlich so, dass niemand im Westen technische Geräte nach Nordkorea verkaufen darf. Und dennoch wurden neulich Fahrzeuge zur Präparierung von Skipisten dort entdeckt und fotografiert. Und da stellt sich doch mal die Frage, wie diese Spezialgeräte da hingekommen sind!? Die Hersteller schwören, dass sie nicht an die kommunistische Regierung geliefert haben.
Dann gibt es keinen Zweifel daran, dass Kim Jong-un nachts die Fahrzeuge in Sölden, Sankt Anton und Berchtesgaden entwendet und nach Hause gefahren hat. Die über 8000 Kilometer weite Strecke nach Pjöngjang kann man auf einer Pistenraupe in fünf Wochen bewältigen, es sei denn, man macht einen Schlenker über Tadschikistan und steigt dort in einen Siebener-BMW aus Berlin-Wedding um. Jedenfalls scheinen die Tage solcher Schurkenstaaten gezählt. Wie bei der DDR werden die bösen Taten der Mächtigen eines Tages zu ihrem Niedergang führen. Und dasselbe gilt für die Pubertier-Diktatur bei uns zuhause.
Diese Theorie erklärte ich meiner Tochter ausführlich in einem längeren Monolog, den sie nur deshalb über sich ergehen ließ, weil sie darauf warten musste, dass der Toast aus dem Toaster sprang. Aber immerhin hat meine Drohung irgendwas in ihr ausgelöst. Heute Morgen stand eine frische Dose Rasierschaum vor meinem Spiegel. Gut, es ist natürlich kein richtiger Rasierschaum, sondern Beinchenschaum für Fünfzehnjährige. Aber die Geste finde ich rührend. Sie will ihr Tyrannenschicksal offenbar wenden. Und ich rieche jetzt wie eine frischrasierte 46 Jahre alte Mango. Eigentlich nicht übel. Man spart sich das Rasierwasser.