Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.02.2014

357_Lanzland

Wenn wir Deutschen etwas können, dann Brot backen, Autos bauen und uns aufregen. Das ist nämlich unser gutes Recht als freie Bürger. Unsere Empörungsrituale sind wertvolle Symbole unserer Demokratie und stehen in der Skala der schützenswerten Besitztümer unseres Landes auf derselben Stufe wie schwäbisches Sauerteigbrot und der VW Golf. Und weil das so ist, gleichen bei uns die Bürgerinitiativen den Heimatvereinen, manchmal sind sie kaum voneinander zu unterscheiden. Mein italienischer Schwiegervater bewundert den deutschen Bürgersinn. In seiner Heimat pflanzen die Einwohner einer Gemeinde nicht freiwillig und auf eigene Kosten Stiefmütterchen auf den Kreisverkehr. In Deutschland aber schon. Das findet er toll, auch wenn er selber nie auf so eine Idee käme.
Seine Bewunderung nahm auch keinen Schaden, als er einmal beinahe dafür gelyncht wurde, dass er beim Spazierengehen einige Pflanzen in einem öffentlichen Beet zertrampelte. Wenn es in der Kleinstadt, in der er seinen Lebensabend verbringt noch einen Pranger gäbe, dann hätten sie ihn daran für mindestens eine Stunde festgekettet. In den USA wird so etwas übrigens noch gemacht, jedenfalls im Bundesstaat Ohio. Dort verurteilte ein Richter eine Frau dazu, öffentlich ein Schild hochzuhalten, auf welchem zu lesen stand: „Nur ein Idiot würde auf dem Gehsteig einen Schulbus überholen“. Vergleichbares gibt’s bei uns höchstens in Bopfingen, wenn jemand bei der Kehrwoche versagt. Und natürlich im Internet.
Dort kann man per Mausklick wahnsinnig bequem seine Grundrechte ausüben. Das ist ziviler Ungehorsam für die Hosentasche und viel ungefährlicher als beispielsweise der Protest gegen eine diktatorische Regierung bei minus 20 Grad und mit der Aussicht, von Spezialeinheiten die Fresse poliert zu bekommen. Gut, das war jetzt natürlich billige Polemik, aber trotzdem nicht ganz verkehrt: Manchmal denke ich wirklich, uns geht es zu gut. Wenn wir Deutschen millionenfach dafür stimmen, arme hungernde Gefangene aus einem Knast zu befreien, dann handelt es sich dabei höchstens um die trotteligen Insassen des Dschungelcamps bei RTL. Oder wir nehmen per Smartphone an einer Online-Petition teil.
Es ist in letzter Zeit häufiger angemahnt worden, man möge dieses Instrument der Schwarmmeinung nur bei wirklich wichtigen Anlässen nutzen, aber was ist schon wichtig in einer Gesellschaft, in der die wesentlichen Konflikte geklärt sind? Auf der Website „openpetition.de“ finden sich deshalb so brandheiße Initiativen wie jene, die die Einführung neuer Bälle im Tischtennis verhindern möchte und bisher 296 Stimmen gesammelt hat. Das sind genau 296 Votings mehr als für die Petition mit dem Titel „Wir wollen die einst so beliebten „fröhlichen Wellen“ von RTL-Radio Luxemburg zurück!“
Die momentan bekannteste und beliebteste Online-Petition ist natürlich jene, die sich gegen Markus Lanz richtet. Da würde ich aber nicht unterschreiben, denn man weiß ja nie, was mit so einer Unterschriftenliste passiert, nachdem sie dem ZDF unter großem Medientamtam übergeben worden ist. Vermutlich werden zunächst einmal alle teilnehmenden Mitarbeiter des ZDF identifiziert und nach Feierabend im Heizungskeller des Senders verhauen. Alle anderen Unterschriften werden an die NSA übermittelt. Wer weiß, vielleicht lassen sich algorithmisch irgendwelche Zusammenhänge herstellen, die den Einsatz einer bewaffneten Drohne rechtfertigen. Egal. Mir persönlich sind jedenfalls Menschen, die am Wochenende Nistplätze für den Waldkauz bauen lieber als Menschen, die Online-Petitionen für den Erhalt des Waldkauzes ins Internet stellen.
Und wer der Meinung ist, man müsse unbedingt etwas gegen Markus Lanz unternehmen, liegt sowieso völlig falsch. Das muss niemand. Das macht der schon selber dauernd. Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, sich ständig über ihn oder sonstwas aufzuregen. Das haben sie bei Monty Python schon vor dreißig Jahren erkannt. Am Ende ihres Filmes „Der Sinn des Lebens“ heißt es: „Seien Sie nett zu Ihren Nachbarn, vermeiden Sie fettes Essen, lesen Sie gute Bücher, gehen Sie spazieren und versuchen Sie, mit allen Menschen in Frieden zu leben.“ Eine Petition mit diesem Titel würde ich sofort unterschreiben.