Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.02.2014

360_In der Hühnerbrühe

Nichts macht mir weniger Spaß als Spaßbäder. Ich mag den Geruch nicht, ich mag die Umzugskabinen nicht, ich mag das Wasser nicht. Und ich kann nicht schwimmen. Damit stehe ich allerdings zuhause ziemlich isoliert da. Für unseren Sohn gibt es überhaupt nichts Großartigeres, als mit anderen Wahnsinnigen über Plastikrutschen in von Millionen Körperzellen verseuchtes Wurstwasser zu plumpsen. Ich habe ich mich immer davor gedrückt, mit ihm in solch eine Einrichtung zu fahren. Als er einmal zum Kindergeburtstag in so einem Ding eingeladen war, ließ ich ihn am Parkplatz aussteigen und die restlichen fünfzig Meter bis zum Eingang alleine zurücklegen, weil ich es einfach nicht schaffte, näher heran zu fahren. Was Kryptonit für Superman ist, sind Hallenbäder für mich.
Letzten Freitag bin ich dann aber doch zum ersten Mal in einem Spaßbad gewesen. Nick hat mich dazu gezwungen. Er stand vor mir und sagte, er wolle etwas mit mir unternehmen. Er schlug einen Vater-Sohn-Ausflug ins größte Erlebnisbad Bayerns vor. Als ich sagte, dass ich mir eher in den Fuß schießen würde, behauptete er, alle anderen Väter würden das Wochenende gerne mit ihren Söhnen verbringen. Ich solle mir ein Beispiel an Finns Vater nehmen, der würde seinen Söhnen jeden Samstag ein komplettes Entertainmentprogramm bieten. Mein Einwand, dass der Typ Eventmanager sei und lediglich Aktivitäten teste, die er seinen Kunden wochentags verkaufe, zog nicht. Nick stellte mir ein Ultimatum: Entweder ginge ich mit ihm ins Spaßbad oder er würde sich später zu Kampfeinsätzen bei der Bundeswehr verpflichten, weil seine Kindheit zu langweilig war. Da gab ich nach.
Ich bereute meine Prinzipienuntreue bereits beim Umziehen und Duschen. Um uns herum riesige Familien, die offenbar ihre Wochenhygiene abhielten, was ich insofern bemerkenswert finde, als der Eintritt in diesem hässlichen Planschladen ungefähr dem für die Münchner Oper entspricht, wobei die Akustik dort eindeutig besser ist. Schließlich ging es hinein in die fungizide Fliesenwelt. Der Chlorgestank in einem Hallenbad ist übrigens keineswegs ein Indiz für besondere Sauberkeit des Wassers, im Gegenteil: Der Geruch entsteht hauptsächlich durch die Verbindung von Chlor und Ammoniak. Das bedeutet: je intensiver ein öffentliches Schwimmbad nach Chlor müffelt, desto mehr Menschen haben ins Wasser geschifft. Da bekommt der Begriff Spaßbad doch eine vollkommen neue Bedeutung. Meine Sorge bezüglich des Chlorduftes erwies sich dann aber als unbegründet, denn dieser wurde in allen wesentlichen Bereichen der Anlage von einem atemberaubenden Frittenfettgestank überlagert. Ich vereinbarte mit Nick, dass ich seinen Kapriolen beiwohnen und jeden einzelnen seiner Sprünge mit Applaus belohnen, aber keinesfalls ins Wasser gehen würde. Ich wollte nicht ein einziges Tümpel-Molekül berühren. Immerhin war ich da, das musste reichen, um ihn von einem möglichen Kriegseinsatz abzuhalten.
Ich setzte mich auf eine Liege an den Rand des Beckens und sah ihm und den anderen Irren zu. Einige Erwachsene hockten bis zur Brust in einer Art Nichtschwimmerbecken mit einer Bar. Sie hielten Weißbiergläser in der Hand und aßen Brezeln, die ins Wasser krümelten. In einer anderen Großwanne hatten zehn Teenie-Mädchen Platz genommen. Ich dachte sofort an den Begriff „Hühnerbrühe.“ Und gerade als ich mich zurücklehnte und die Arme hinter dem Kopf verschränkte, wurde meine Liege von sechs Jugendlichen angehoben. Sie trugen mich ans Becken und kippten mich wie ein Gemüsebouquet zu den Hühnern. Ich wurde nicht einfach nass, ich schluckte das schreckliche Wasser auch noch. Nachdem ich aufgetaucht war und mich in ausreichender Lautstärke empört hatte, entschuldigten sich die Jungen. Sie hatten mich mit ihrem Mathematiklehrer verwechselt, was ich auf Anhieb eine Unverschämtheit fand, auch wegen der Mathematik.
Dann kam Nick auf mich zu geschwommen. Er lachte und umarmte mich und rief, dass ich ja doch noch zu ihm ins Wasser gekommen sei. Er freute sich so sehr, dass ich mich nicht traute, ihm die Wahrheit zu sagen. Ich blieb dann noch eine Stunde im Wasser. Abends hatte ich ein Herpes-Bläschen an der Oberlippe. Aber mein Sohn war glücklich.