Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.03.2014

362_Nick im Netz

Wir alle müssen vorsichtig mit unseren privaten Daten umgehen, denn an jeder Ecke, ganz gleich ob im Internet oder in der echten Welt, lauert das Verbrechen. Zum Glück bekommen die Kinder das in der Schule beigebracht. Also nicht das Verbrechen, sondern die Vorsicht. Die Klasse unseres Sohnes Nick erhielt unlängst Besuch von einem Experten, der die Kinder in Sachen Datensicherheit schulte. Nick weiß deshalb, dass er nichts mit meiner Kreditkarte kaufen darf, niemals sein Geschlecht und sein Alter oder unsere Adresse verraten und grundsätzlich nicht mit Fremden chatten soll.
Unser elfjähriger Sohn ist also über Daten– und Jugendschutz auf schon bestürzende Weise informiert und er verwendet gut ausgedachte Nicknames wie zum Beispiel „Heinblöd99“, wenn er im Netz unterwegs ist. Viel stärker gefährdet sind dort die Erwachsenen, die naturgemäß in der sechsten Klasse keine Schulung in Datensicherheit erhalten haben und immer wieder durch eine gewisse Laxheit im Umgang mit der Cyberkriminalität auffallen. Tatsächlich lauten die mit Abstand häufigsten Passwörter in Deutschland „123456“ sowie „Passwort“. Man kann hier nicht unbedingt von orgiastischen Verschlüsselungsexzessen sprechen und mit Sicherheit davon ausgehen, dass es keine Jugendlichen sind, die solche Simpel-Codes verwenden. Das machen eher um ihre Sicherheit besorgte ältere Menschen.
Als deren Sprachrohr trat jüngst Hans Magnus Enzensberger in Erscheinung. Er hat in der FAZ – wie er findet – einfache Regeln für das Leben in der Gegenwart aufgestellt. Darunter befinden sich die Losungen, kein Mobiltelefon zu besitzen, nicht am Online-Banking teilzunehmen, keine Mails zu verschicken, soziale Netzwerke zu meiden und nichts im Internet zu bestellen. Meine Kinder würden vermutlich eingehen wie ungegossene Primeln, wenn sie sich an all diese Vorschriften hielten. Insofern ist es ein großes Glück, dass der Enzensberger das alles offenbar ironisch gemeint und bloß vergessen hat, dies seiner Leserschaft in einer kleinen kursiven Zeile mitzuteilen. Es war demnach von ihm auch nicht so ernst gemeint, das man sich anstatt Mails lieber Postkarten schreiben solle. Die Idee ist zwar romantisch, funktioniert aber nicht richtig, weil man dafür eine Adresse benötigt. Und meine Adresse hat Herr S. aus Grefrath am Niederrhein nicht.
Deshalb hat er sich auf meiner Seite bei Facebook geäußert. Dort gab es einen Text zu lesen, in dem ich mich über den publizistisch eruptiven Thilo Sarrazin äußerte. Herr S. hat das kommentiert, und zwar mit dem Wort „arschloch.“ Ich bezog diese Beleidigung auf mich als Urheber des Textes. Weil Facebook ganz generell kein Ort vornehmer Zurückhaltung ist, habe ich dann einiges über den Herrn S erfahren, das mir verborgen geblieben wäre, wenn er mir anonym eine Postkarte geschickt hätte. Auf seiner Facebook-Seite steht, dass Herr S Helene Fischer und Scooter hört. Er besitzt einen Hund und war schon in London. Er ist in einer Beziehung und spielt gerne Computerspiele. Er mag die Fußball-Nationalmannschaft und ihm gefallen 91 Seiten bei Facebook, darunter die von Aldi Süd, Der Bitburger-Brauerei – und die von mir. Oha. Dann kann aber weiter oben etwas nicht stimmen. Wenn der Mann mich mag, dann meint er vielleicht gar nicht mich mit seinem resoluten Kurz-Kommentar in der Causa Sarrazin. Vielleicht hätte er doch lieber eine Postkarte und zwei erklärende Sätze geschrieben. Dann wüsste ich jetzt genauer, ob ich ein Arschloch bin oder nicht.
Und mein Sohn kennt sich in punkto Datensicherheit wirklich hervorragend aus. Neulich bemerkte ich, dass er an meinem Rechner war, denn erstens befand sich Erdbeerjoghurt in der Tastatur und zweitens stellte ich bei einer Kontrolle des Browserverlaufes fest, dass er sich auf einer Spieleseite herumgetrieben und Haudruff-Clips bei Youtube angesehen hatte. Er darf aber nicht an meinen Computer, das ist streng verboten und das Gerät wurde vor unerlaubtem Zugriff mit einem vielstelligen Passwort geschützt. Eigentlich. Ich stellte ihn zur Rede und fragte ihn, wie er das Passwort herausgefunden hatte. Nick sagte in unverschämt beiläufigem Ton, dass sei nicht schwer gewesen. Er kenne doch seinen Vater. Drei Versuche und die Kiste sei angesprungen. Das Passwort lautete „nickdarfhiernichtran.“