Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.03.2014

364_Hobby-Suche

Meine Frau war mal wieder der Ansicht, dass mir ein schönes Hobby nicht schaden könne. Aber Hobbies sind was für Leute, die einen Ausgleich benötigen. Wenn zum Beispiel ein Henker nach Feierabend den historischen Bahnhof von Remscheid in seinem Keller nachbaut, dann findet das meine uneingeschränkte Zustimmung. Wie schlimm wäre es, so ein Mensch würde sich etwas Arbeit mit nach Hause nehmen? Leute, die im Beruf über– oder aber gänzlich unterfordert werden, müssen in der Freizeit einer Tätigkeit nachgehen, die andere Seiten an ihnen zum Schimmern bringt.
Bei mir schimmert aber schon alles. Für ein Hobby ist da einfach kein Platz. Das habe ich Sara schon ganz oft gesagt, man könnte beinahe behaupten, es sei zu einer Art Hobby geworden, sie davon zu überzeugen, dass ich keines brauche. Außerdem gucke ich gerne aus dem Fenster. Man muss dafür keinen Kurs belegen und sehr zubehörintensiv ist das Aus-dem-Fenster-gucken auch nicht. Sara findet aber, dass mir etwas fehlt und deshalb lud sie ihre Schwester Lorella mit Ehemann Jürgen zu uns ein. Die kennen sich aus mit Hobbies. Sie pflegen Dutzende und leiten Workshops in allem Möglichen. Für Mich sind die beiden ein Kompetenzzentrum des Wahnsinns. Einmal in der Woche gehen sie mit Räucherstäbchen durchs Haus und säubern auf diese Art sämtliche Energiefelder, was zur Folge hat, dass ihr Haus immer riecht als hätte jemand eine Douglas-Filiale geodelt.
Wenn man sich meinen Schwager Jürgen vorstellen möchte, möge man an einen Asketen mit Halbglatze denken, der energetisch ausbalanciert in Funktionskleidung herumrennt, außer beim Yoga. Seine Übungen absolviert er am liebsten nackt im Garten. Jürgen findet, es könne den Nachbarn nicht schaden, sein schlenkerndes Gemächt zu sehen, wenn er die Heuschrecke oder den Krieger macht. Mein Schwager besitzt einfach einen ausgeprägten missionarischen Drang, er verhält sich tatsächlich ganz ähnlich wie der Gott seines Lebensraumes, der schwäbelnde Seitenbacher-Müsli-Mann.
Sara lockte mich unter einem falschen Vorwand (Kuchen) in die Küche. Jürgen saß am Tisch, auf dem er eine breitgefächerte Angebotspalette drapiert hatte. „Was ist denn hier los?“ fragte ich naiv, dann begann Jürgen damit, mir Freizeitangebote zu machen. Er fand zum Beispiel eine schamanische Wanderung durch meine Seele eine dufte Idee. „Durch meine Seele wird nicht gewandert und schon gar nicht schamanisch,“ sagte ich und verschränkte die Arme. „Schade,“ sagte Jürgen und zog ein anderes Angebot hervor: „Vielleicht bist Du ja mehr der praktische Typ. Da hätte ich was für Dich: Wir filzen aus Schafwolle einen Schutz– und Kraftgürtel, der Deine Körpermitte stärkt, schützt und wärmt. Das ist eigentlich für Frauen in den Wechseljahren, aber wenn ich Dich so ansehe, kommt das auch hin.“ Ich sah verzweifelt zu Sara hinüber, die beinahe platzte vor Lachen.
Jürgen sah irritiert in die Runde und fuhr fort, indem er mir ein Tagesseminar empfahl, „in dem durch Rhythmusstimulation eine Trance erreicht wird, um unter Beteiligung aller Sinne in die stärkende Verbindung mit dem eigenen inneren Wissen zu kommen. Naja. Oder eben halt Masturbationsworkshop mit Billy Faggon aus Oklahoma. Das ist der Papst der Tigerzähmung.“ Dann zeigte er mir ein Foto von Billy Faggon, einem ungefähr neunzig Jahre alten Mann mit einem weißen Bart und einem Cowboyhut. „Gibt es noch etwas anderes?“ fragte ich. „Na klar: Wie wäre es mit Nester– und Kugelflechten? Dabei tanzen wir und spüren dem Klang und der Vibration in unserer Seelenheimat nach. Nicht? Na gut. Oder Du stellst Deine eigene Räucherfeder her. Damit kannst Du den Pflanzengeist ausfächeln. Und dann haben wir noch Kommunikation mit Tomaten in unserem Veggie-Talk.“
Nach einer Stunde bedankte ich mich für die schönen Ideen und Jürgen verließ federnden Schrittes unser Heim. Ich habe Sara dann einen Deal angeboten: Zwei Mal in der Woche Kino oder Theater, dazu Restaurantbesuche und so viel Quality Time wie sie möchte. Dafür gucke ich nicht mehr stundenlang aus dem Fenster und muss nicht in Jürgens Räucherfederkurs oder zu Billy Faggon aus Oklahoma. Sie hat angenommen. Ich bin gerettet. Fürs Erste.