Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.04.2014

366_Streit um die Zeit

Was ich auch nicht verstehe: Was die Leute dauernd gegen die Sommerzeit haben. Die Sommerzeit ist inzwischen geradezu die Thilo Sarrazin unter den amtlichen Vorschriften. Sie haben auch wirklich allerhand miteinander gemein, die Zeitumstellung und der Dramaking der Empörungsliteratur. Immer, wenn sie ihr Haupt erheben, kriegen sie eins auf den Deckel, tauchen aber trotzdem regelmäßig wieder auf. Als es nun wie in jedem Jahr erneut darum ging, die Uhr ein bisschen vorzustellen, führte dies umgehend zu wütenden Online-Petitionen wie sonst nur, wenn der deutsche Wald vor Windrädern geschützt werden soll.
Die Empörung ist in jedem Jahr wieder riesengroß, weil sie angeblich nichts bringt, die Sommerzeit. Aber das ist ja nun wirklich kein Argument. Ich habe auch gelesen, dass die meisten Krebsvorsorgemaßnahmen nichts bringen. Und Photovoltaik bringt es angeblich auch nicht, genau wie Huub Stevens und Eiweißdrinks, vom Nasenpflaster mal ganz zu schweigen. Und wird vielleicht deswegen irgendwas davon abgeschafft? Nein. Na also.
Die Argumente gegen die Sommerzeit sind auch immer dieselben: Jammerige Kinder sowie Nulleffekt auf den Energieverbrauch. Man kennt das schon und irgendwie langweilen mich diese Gründe, auf die Sommerzeit zu verzichten. Wie schön wäre es, wenn den Gegnern mal neue Argumente einfallen würden. Zum Beispiel: Die Sommerzeit führt zu grauem Belag auf der Zunge und einem erhöhten Hamstersterben in und um Paderborn. Da hätte man wenigstens Stoff für Diskussionen. Aber nur weil man nicht weniger Strom verbraucht, wenn es draußen länger hell ist, muss man ja die Sommerzeit nicht gleich abschaffen. Das wäre ja so, als würde man Erdbeerjoghurt verbieten, bloß weil er nicht gegen Ziegenpeter hilft.
Gute Gründe für die Sommerzeit sind – das muss man zugeben – auch nicht ganz schnell bei der Hand. Eigentlich gibt es ja nur einen: Es ist nämlich durchaus schön, wenn es draußen später dunkel wird. Davon hat wiederum nur der südliche Teil unseres Landes etwas. In Hamburg ist es im Sommer ohnehin lange hell. Da kommt es auf ein Stündchen mehr oder weniger nicht an. Aber in Baden Württemberg und Bayern macht das schon einen Unterschied und dort wird die Sommerzeit auch von der Mehrheit der Bevölkerung begrüßt. Vielleicht sollte man sie deshalb ganz einfach auch nur in Süddeutschland einführen.
Wir wären auf diese Weise das einzige Land mit einer horizontalen Zeitzonengrenze, die man übrigens sehr schön entlang des 50. Breitengrades ziehen könnte, also nördlich von Trier, Darmstadt, Würzburg und Bayreuth, wo man auch Zeitzonengrenzposten aufstellen könnte, die den Reisenden dazu anhalten, die Uhr umzustellen. Bei dieser Lösung ergäben sich lediglich für die Bewohner von Mainz schwerwiegende Folgen, weil der 50. Breitengrad mitten durch die Stadt führt. Mainz würde geteilt, nämlich in ein bereits früh dunkles und ein noch spät helles Mainz. Man könnte theoretisch um 21 Uhr mit dem Zug am Mainzer Hauptbahnhof eintreffen, zwei Minuten Richtung Süden laufen und um kurz nach 22 Uhr zuhause eintreffen. Das ist pure Magie, jedenfalls wenn in Mainz ein Zug hält.
Solche Zeitverschiebungen führen bekanntlich zu einer Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Die ist sonst nur zu haben, indem man lange Flugreisen absolviert. Der Zeitzonenkater gilt deswegen in gehobenen Kreisen als Ausdruck von Weltläufigkeit. Die Sommerzeit gibt es aber ganz umsonst. Sie wird uns geschenkt. Das ist sozusagen Jetlag für die Hosentasche. Wir sollten für diesen Gratis-Glamour dankbar sein und nicht darüber meckern.
Geradezu neidisch fällt in dieser Hinsicht der Blick auf die Sommerzeit von 1945 aus. Damals gab es in Teilen Deutschlands sogar eine doppelte Sommerzeit, und zwar in der Sowjetzone. Da wurde im Sommer auf Moskauzeit umgestellt (plus 2 Stunden.) Die Menschen saßen noch um Mitternacht in Erfurt und Dresden im Freien und erfreuten sich an tropischen Nächten. Und sie haben dort jetzt wieder allen Grund zur Vorfreude: Wenn nämlich der Putin mit der Ukraine durch ist, dann will er vielleicht auch die DDR wiederhaben. Und wenn der Russe dort einmarschiert ist, dann gehen die Uhren wieder anders. Jedenfalls im Sommer. Plus zwei Stunden! Ein bisschen neidisch bin ich ja schon darauf.