Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.04.2014

367_Gender-Gemüse

Wie man eine Geschichte richtig erzählt, ist in der Forschung und in Journalistenschulen ein Dauerbrenner. Bei unserem Sohn ist der Aufbau einer Anekdote ganz einfach. Er und die anderen Elfjährigen in seinem Dunstkreis halten sich dabei an die Satzbauregeln, die der deutsche Hip Hop Ihnen an die Hand gegeben hat: Subjekt, Prädikat, Beleidigung, Alder. Fertig ist die Story. Bei Erwachsenen ist das komplizierter, was damit zu tun hat, dass Männer und Frauen so komplett unterschiedlich ticken. Auch an dieser Binsenweisheit wird beständig geforscht. Wahrscheinlich handelt es sich um ein für die Wissenschaftler sehr unterhaltsames Feld. Es macht bestimmt mehr Spaß, die Prozesse der Kommunikation zwischen Mann und Frau zu ergründen als sich mit Schimmelkulturen in Dickdärmen herum zu plagen.
Egal. Ein Ehepaar erzählt jedenfalls eine Geschichte sehr unterschiedlich. Ich wage mal die Behauptung, dass es dem Mann eher um die Geschichte geht und der Frau mehr um das Erzählen der Geschichte. Und dabei kommt eben nicht dieselbe heraus, wie ich am Mittwoch mal wieder erlebte. Da berichtete ich Sara von Klaus, der gerade Probleme in der Firma hat: „Klaus hat auf seinem Rechner einen Porno angeguckt. Da kam seine Kollegin aus dem Vertrieb und er hat das Fenster mit dem Filmchen ganz schnell von der Bildschirmoberfläche verdrängt. Sie bat ihn darum, gemeinsam etwas im Internet zu überprüfen. Und als er den Browser öffnete, erschien auf dem Schreibtisch wieder das Fenster mit dem Porno, indem ein Gemüsehändler einer Frau gerade seine Gurkenkollektion vorführte. Die Kollegin hat das beim Betriebsrat gemeldet und nun gibt es Ärger.“ Das war eine interessante Geschichte, fand ich. Und warum nicht mal Gemüse, bei mir kann jeder machen was er will. Es gibt ja sowieso kaum noch wirklich Abseitiges. Fast fünfzig Prozent aller Deutschen zwischen 18 und 30 Jahren sind tätowiert. Und ich habe auch grundsätzlich nichts gegen Piercings, ich finde sogar: Der Intimschmuck ist das Bundesverdienstkreuz des Prekariats.
Nachmittags bekam Sara Besuch von ihrer Freundin Annette. Und nun klang die Geschichte so: „Du kennst doch Klaus? Das ist der Typ, mit dem Du Dich mal auf der einen Party so gestritten hast, weil er gesagt hat, dass Skulpturen von Modigliani aussehen wie Grillbesteck. Weißt Du, das war auf der Feier von dem Dings, den wir mal bei dem Mann von der Ilona kennengelernt haben, die nur zwei Mal beim Yoga war, weil sie sich dabei die Achillesferse gerissen hat und dann den Yogalehrer verklagen wollte. So. Und jedenfalls hat dieser Klaus einen Gemüsefetisch. Der steht voll auf Gurken und deshalb hat er bei sich in der Firma einer Kollegin so ein Filmchen aus dem Internet gezeigt und die fand das natürlich nicht so witzig und hat ihn wegen sexueller Nötigung angezeigt. Und jetzt ist er dran, der Gemüsefetischist. Ich habe das ja schon bei der Grillparty geahnt, weil er so lüstern in den Chicorée gebissen hat.“ Das ist nicht dieselbe Geschichte, womit ich nicht behaupten würde, dass die weibliche Fassung falsch wäre. Sie setzt nur sehr andere Akzente. Und das ist eine weibliche Spezialität, wie ein anderes Beispiel zeigt.
Ich habe im Fernsehen gesehen, dass sich Männer und Frauen auch auf eine sehr unterschiedliche Art orientieren. Die meisten männlichen Passanten merken sich die Strecke durch eine Stadt, indem sie den Weg im Kopf kartographieren: „Ich gehe nach etwa 80 Meter bei der Tankstelle links und dann die zweite rechts bis zum Ende, dann 200 Meter links und am Rathaus vorbei. Und Simsalabim: Da ist das Restaurant.“
Frauen hingegen neigen eher dazu, sich Wege anhand persönlicher Erlebnisse zu merken. Etwa so: „Ich gehe bis dahin, wo Gabi mir erzählt hat, dass sie fünf Kilo abgenommen hat, wovon man aber ehrlich gesagt gar nichts sieht und dort biege ich links ab bis zu dem Schuhgeschäft, wo es Jimmy Choo gibt und wo man sich fragt, wer die Dinger eigentlich anzieht und dort geht es rechts rum bis dorthin, wo ich einmal Sahnegrießeis gegessen habe, von dem mir hinterher schlecht war. Die Sahne oder der Grieß, man weiß es nicht, jedenfalls ist gegenüber das Restaurant.“ Wenn ich es recht überlege, gefällt mir die zweite Streckenbeschreibung besser. Ich glaube: Manchmal wäre ich gerne eine Frau.