Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.04.2014

368_Hartes Ostern

Das Osterfest nahte und damit auch die seit einigen Jahren wiederkehrende Frage, ob man eigentlich noch etwas im Garten versteckt oder nicht. Die Kinder befinden sich bereits seit Längerem in einem Alter, wo der Thrill einer Eiersuche nicht mehr mit anderen aufregenden Beschäftigungen mithalten kann. Das Skype-Telefonat mit einem immens verpickelten sechzehnjährigen Liebes-Lyriker namens Beni bereitet Carla zum Beispiel wesentlich mehr Herzklopfen als das Auffinden eines hartgekochten und von ihrem Vater beschrifteten Hühnereies. Ja, ich bemale Eier nicht, ich beschrifte sie. Ich schreibe zum Beispiel: „Bitte klopfen Sie: hier.“ Früher fand Carla das lustig. Heute betrachtet sie es als Schrulle eines sonderbar werdenden alten Mannes.
Auch Nick ist nicht mehr sehr interessiert an der Eiersuche, schon weil es dabei im Prinzip nur ein Level gibt. Und wer das absolviert hat, kommt nicht in ein zweites und erhält weder bessere Waffen, noch ein Schutzschild oder irgendein anderes cooles Upgrade. Sondern langweilige beschriftete Eier und Süßigkeiten. Tja. Die echte Welt kann mit der virtuellen einfach nicht mehr mithalten, besonders am Ostersonntag.
Nachdem mir das klar geworden war, suchte ich nach Alternativen zu unserem Osterbrauch. Dabei fiel mir zunächst einmal auf, wie schräg unsere Gewohnheiten von Angehörigen anderer Nationen gefunden werden müssen. Ich meine, hallo: Ein Hase, der bunte Eier versteckt. Das kann man eigentlich nur als absolut möglich betrachten, wenn man mit der „Häschenschule“ aufgewachsen ist, jenem schönen Kinderbuch von Albert Sixtus aus den zwanziger Jahren. Darin ist zu sehen, wie die Häschen das Eierbemalen üben und wer das in Erinnerung hat, den befallen zeitlebens keine Zweifel am Osterhäschentum.
„Die Häschenschule“ ist jedoch im Ausland nicht sehr bekannt und deshalb wundert es einen kaum, dass in Schweden die Eier von Küken versteckt werden. Absurd, ich weiß. Aber so sind die Skandinavier eben, von kühlerem Gemüt und durchaus unromantisch, wenn es drauf ankommt. Die Finnen liefern dafür einen noch eindeutigeren Beweis, denn bei ihnen gehört zu einem gelungenen Osterfest, dass man sich gegenseitig mit Birkenruten tüchtig auspeitscht. Das sollten wir vielleicht auch mal machen. Bei uns im Garten. Ich weiß aber nicht, ob das bei unseren Kindern so gut ankommt. Oder bei den Nachbarn. Andererseits könnten wir natürlich österliche Kirchenlieder dabei singen, dann ist in einem bayerischen Dorf eigentlich alles erlaubt.
Ich rief dann meinen Schwiegervater an und fragte ihn, was in Italien an Ostern los sei. Er erklärte mir, das Fest sei alles in allem kein großer Spaß besonders nicht für Kinder. Man zöge in einer endlosen Osterprozession durch die Straßen und sei dem Anlass entsprechend schlecht gelaunt. Als er ein kleiner Junge gewesen sei, habe ihm der Pfarrer eingeschärft, mit absoluter Leichenbittermiene zu paradieren. Antonio berichtete ausführlich von den strapaziösen Wanderungen: „Der Priester atter gesagte: Wer makte eine dumme Gesikte und lachte, wird soforte neben der Jesu an der Kreuz genagelte.“
Wir nahmen also Abstand von einer Osterprozession und waren froh, dass Carla einen Vorschlag machte. Sie fand, dass der Ostersonntag doch sehr gut geeignet sei, die Eltern mal ausschlafen und die Kinder alles machen zu lassen. Frühstück mit allem Zipp und Zapp. Und das von unserem Pubertier. Ich war begeistert. Carla und Nick standen dann tatsächlich früh auf und machten sich an die Herstellung eines Hefezopfes. Sie hatten zwar kein Rezept, aber Hefe gab es, Eier auch. Mehl, Milch, Wasser. Dann entdeckte Nick noch eine weitere Zutat, nach der er lange suchte. Ich hatte ihm mal erzählt, dass es in Deutschland unter Bäckern üblich sei, den Brötchenteig mit Gips anzureichern. Nachdem er diesen neben dem Montagekleber und dem Tapetenkleister entdeckt hatte, gab er drei gehäufte Esslöffel in den Teig. Dieser ging für eine Stunde und kam in den Ofen.
Es wurde dann ein sehr hartes Frühstück. Mit sehr harten Eiern und einem sehr harten Zopf. Da hätten wir uns auch auspeitschen können. Dieses Jahr werden wieder Eier versteckt.