Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.04.2014

369_Flohmarkt

Das ganze Auto voll mit Krempel fuhren wir nachts zum Parkplatz eines Möbelhauses. Sara hatte meine Abwesenheit der letzten Woche dazu genutzt, im Keller und auf dem Dachboden sowie in jedem Kinderzimmer unsere Besitztümer zu vermessen und jene Dinge auszusortieren, die nicht kaputt, aber überflüssig waren. Das ist eine sehr sinnvolle Maßnahme, besonders wenn man mit den Räumen etwas anderes vorhat. Zum Beispiel könnten wir unsere Kinder bei Ebay reinstellen und ihre Zimmer untervermieten. Um auf dem Immobilienmarkt zu reussieren, müssen aber erst alte Klamotten, CDs, Bücher, Spielsachen und die Highlights längst vergessener Weihnachtswunschlisten weg. Das sah ich ein.
Überhaupt fand ich es sehr nobel von Sara, dass sie sich ganz alleine dieser Fron ausgesetzt und tagelang den ganzen Krempel sortiert hatte. Ich trug daher ohne zu meckern in völliger Dunkelheit Karton um Karton in den Van, den uns Dattelmann geliehen hatte, wenn auch mit der Auflage, dafür das Gras aus den Fugen seiner Auffahrt zu zupfen. Dies wahrscheinlich nicht nachts, sondern nachmittags unter den Augen der ganzen Nachbarschaft. Aber ohne seinen Bus hätten wir den Trödel niemals zum Markt bekommen.
Ich baute dort gegen zwanzig nach Fünf einen geliehenen Tapeziertisch auf, während Sara die Kartons aus dem Auto hob und unsere familiäre Vergangenheit ausbreitete. Unser Sohn zog derweil los, um mal zu gucken, ob es interessante Dinge auf dem Flohmarkt gebe. Er erschien wenige Minuten später mit einer Playmobilburg, für die ich bitteschön dem Mann am Ende der Straße dreißig Euronen zu zahlen habe. Interessant fand ich, dass exakt dieselbe Ritterburg auf unserem Tapeziertisch zum Verkauf stand. Und zwar für zehn Euro. Ich schickte Nick mitsamt der Burg zu seinem Handelspartner zurück und änderte den Preis unseres Exemplars auf 25 Euro.
Nach ungefähr einer Stunde hatten die Fachleute den Trödelmarkt abgegrast und die wirklich interessanten Sachen waren verkauft. Dabei hatte Sara noch nicht einmal den letzten Karton ausgepackt. Auf meine Frage, was er enthielt, entgegnete sie, da sei nur oller Trödel drin. Und ob ich Ihr einen Kaffee und etwas Gebäck besorgen könne. Der Kaffee war kein Problem, auch sind Plunderteilchen auf Antikmärkten keine Seltenheit, aber in der Regel nicht essbar. Also machte ich mich auf die Suche nach einem Bäcker.
Als ich nach einer Stunde mit frischen Croissants zurückkam, befand sich Sara gerade in Verhandlungen mit einem Mann, der etwas kaufen wollte, das haargenau so aussah wie meine erste Schreibmaschine. Eine Brother EP-20. Ich habe sie mit Fünfzehn geschenkt bekommen und darauf Kurzgeschichten verfasst. Die sind leider alle verloren gegangen, denn man musste Thermopapier in diese Maschine spannen. Alles, was ich damals geschrieben habe, ist verblasst und unleserlich. Wahrscheinlich ist das gut so, aber die Maschine besitzt einen sentimentalen Wert für mich.
Ich nahm sie dem Mann weg und sagte, sie sei nicht zu verkaufen. Ich legte sie ins Auto und bemerkte dann auf der Kleiderstange eine grüne Winterjacke. Von Helmut Lang, gekauft 1997. Ich habe das Ding seit 15 Jahren nicht mehr getragen, aber es besitzt einen sentimentalen Wert für mich. Und die Playstation 1 mit den beiden kaputten Controllern ebenfalls. Und die Lui-Ausgabe von 1985 in dem riesigen Format auch. Überhaupt alle Magazine, die ich auf dem Dachboden archiviere sind emotional wertvoll. Ich bin sammlungstechnisch der Walter Kempowski der gescheiterten Zeitschriften. Ich stopfte alles, was mir gehörte, in den Karton zurück und setzte mich drauf. Sara erklärte mir, das sei total kindisch. Sie versuchte mich mit einem Döner vom Karton zu locken, aber ich blieb vier Stunden lang darauf sitzen und als ich zur Toilette ging, nahm ich meinen Karton mit. Am Ende waren meine Sachen wieder auf dem Dachboden, wo sie wohnen und ich zupfte dafür die Fugen von Dattelmanns Auffahrt ganz alleine. Zorniges Grasbüschelausreißen in blöder Körperhaltung unter Dattelmanns Anleitung. Egal. Aber die Sachen, die ich nicht mehr brauche, die nimmt mir niemand weg. Das wäre ja noch schöner.