Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.05.2014

370_Das harte Kinderlos

Ulrich Dattelmann tobte. Das ist an und für sich nichts Besonderes, denn er tobt oft. Neulich hat er in seiner Funktion als Schulpflegschaftsvorsitzender ein Fußballspiel gegen eine Berufsschule aus dem Nachbarort geleitet. Als er die dritte rote Karte an die deutlich in Führung liegende Gastmannschaft verteilte, wurde er der Parteilichkeit beschuldigt, worauf er vor Wut eine Ecke der roten Karte abriss und aufaß. Dagegen war sein letzter Auftritt regelrecht zahm. Wir unterhielten uns über den Gartenzaun hinweg und er regte sich über kinderlose Paare auf. So eins ist gerade in unsere Gegend gezogen. Nette Leute, aber eben ohne Kinder, was sie in Dattelmanns Augen auf eine Stufe mit Nagelpilz und religiösen Fundamentalisten befördert. Das seien auch Vorboten des Untergangs.
Am meisten störe ihn an den neuen Nachbarn, dass sie irgendwann einmal Rente erhielten, die ihnen gar nicht zustünde, weil sie keine frischen Rentenversicherungseinzahler ins System schleusten. Genau so hat er das ausgedrückt. Er hingegen habe der Gesellschaft bereits drei zukünftige Beiträger bereitgestellt und am Ende müsse er sich deren Einlagen mit diesen Sozialschmarotzern teilen. Das sei unerträglich, fand Dattelmann.
Da ist er nicht der Einzige. Ehen ohne Kinder erregen häufig Neid, denn ihre Teilnehmer haben öfter Sex, müssen keine schrecklichen Plastikrutschen aufbauen und niemals zum Elternabend. Auf dem Weg in den Urlaub wird man regelmäßig von diesen enorm fröhlichen Paaren rechts überholt. Lachende Gesichter, offenes Dach, flatternde Seidenschals und knusprige Hähnchen im Picknickkorb. Und man selber sitzt mit der quengelnden Brut im klapprigen Familienauto und muss sich die Tonspur von „Fluch der Karibik 3“ anhören. Oder „Adele.“ Außerdem gibt es schwitzende Wurstbrote. Und das war nur der Urlaub. Später ist dann noch für mindestens zwei Berufsausbildungen zu blechen, WG-Zimmer müssen gestrichen und braungebrannte Pleitiers samt Freundin und Surfbrett aus exotischen Ländern heimgeflogen werden. Und dann muss man sich seine Rente mit diesen Nachbarn teilen, die keine Verantwortung übernommen, nichts investiert und auch nichts erduldet haben. Haben nicht ein einziges Mal über dreckige Unterhosen auf der Treppe diskutiert, bekommen aber trotzdem Rentenknete von Dattelmanns Kindern. Das sei die Höhe.
Je länger Dattelmann sich erregte, desto mehr riss er mich mit. Als ich wieder zuhause war, berichtete ich Sara von der Angelegenheit, aber sie kam nicht Recht in Wallung. Es könne ja sein, dass die neuen Nachbarn gerne Kinder haben wollten, aber keine bekommen könnten. Sei das nicht viel belastender als meine Situation? Mag sein, aber das kann man ja nicht wissen. Vielleicht täuschen sie ihre Unfruchtbarkeit auch nur vor und lachen sich insgeheim abends in den Schlaf. Dann fiel mir ein, wie das Problem gesellschaftspolitisch zu lösen ist.
Mein Vorschlag: Ehepaare, die länger als fünf Jahre verheiratet sind oder einen Haushalt teilen und bisher keine nennenswerten Vervielfältigungsergebnisse vorweisen können, müssen entweder freiwillig mehr in die Rentenkasse einzahlen oder sich an ihrem Wohnort vor einem Ausschuss verantworten, um die Vergeblichkeit ihres Familienwunsches nachzuweisen. Dies kann durch medizinische Atteste geschehen, aber auch durch die Vorführung von selbst gedrehten Filmen, welche die erfolglosen Zeugungsversuche dokumentieren. Das Verfahren gleicht ansonsten der so genannten Gewissensprüfung, die früher bei Wehrdienstverweigerern Brauch war. Es werden Fragen gestellt wie diese hier: „Stellen Sie sich vor, Sie gehen nachts mit ihrer Freundin durch den Wald und treffen auf ein Findelkind. Wie reagieren Sie?“ Nur wenn die Prüflinge glaubhaft machen können, das sie wirklich ungerührt weitergehen und sich keinesfalls um eine weinende Weise kümmern würden, können sie damit rechnen, von Strafzahlungen in die Rentenkasse ausgenommen zu werden. Was für ein genialer Plan. Ich werde Dattelmann davon erzählen.
Vielleicht schlage ich ihm dann gleich noch eine weitere Maßnahme vor. Wer keine Garten– oder Zimmerpflanzen besitzt, verhält sich klimaschädlich und muss eine CO2-Abgabe zahlen. Dattelmann und ich errichten eine Diktatur der Guten.